Jeden Tag ein Antrag, heute: PA-395 – AG Gesundheitspolitik – Evidenzbasierte Medizin. (Grundsatzprogramm)

Worum gehts?

Eigentlich wollte ich mich ja vor dem Antrag drücken, aber hilft ja nichts… Als die AG Gesundheitspolitik stellt hier die Forderung auf, dass “versorgungsrelevante Entscheidungen auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik” nach bestem Stand der Wissenschaft getroffen werden sollen. Das bedeutet, die gesetzlichen Krankenkassen sollen nur noch therapeutische Leistungen (z.B. Medikamente) erstatten, wenn sich in “belastbaren Studien” eine Wirksamkeit gezeigt hat. Alle Leistungen ohne Nachweis einer Wirksamkeit sollen nicht mehr erstattet werden – mit Ausnahme von Therapien bei nicht heilbaren Erkrankungen und Therapien deren Wirksamkeit praktisch nicht durch Studien erfassbar ist (z.B. bestimmte Operationen). Innerhalb dieser Grenzen soll aber laut der Antragsteller die Therapiefreiheit der Menschen erhalten bleiben.

Außerdem fordert der Antrag eine verstärkte Aufklärung über Therapien und Medikamene mit fehlendem Nachweis einer Wirksamkeit, um Menschen vor “vermeidbarem gesundheitlichen sowie wirtschaftlichen Schäden” zu schützen. Diese Aufklärung soll möglichst unabhängig von Leistungserbringern (also den Ärzen) und Kostenträgern (also den Krankenkassen) erfolgen, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Und zuletzt wird im Antrag noch heraus gestellt, dass alle Therapieformen, die bei Patienten zu nachweislich vermeidbarem Leid und Schmerzen führen, nicht unter die Therapiefreiheit fallen.

Was spricht dafür?

Also Gegensatz zum Antrag PA-640 Homöopathie aus dem Leistungskatalog streichen“, gegen den ich mich hier bereits ausgesprochen hatte, stellt dieser Antrag tatsächlich eine Forderung auf, die ich durchaus so unterschreiben kann. Im Endeffekt wird im Antrag gefordert, dass Evidenz (im Sinne der evidenzbasierten Medizin) auch ein fester Teil bei der Beurteilung von Therapien durch den gemeinsamen Bundesausschuss, sein soll. Dies ist im Sinne einer optimalen Patientenversorgung angebracht, insbesondere auch um Kosten für nicht wirksame Therapieformen einzusparen.

Interessanterweise versteift sich dieser Antrag auch nicht nur auf einen bestimmten Typ Studie, sondern fordert nur die “bestmögliche verfügbare Evidenz“. Das ist ein sehr positiver Aspekt, denn es gibt leider Felder in der Medizin in denen sich schwer alle Anforderungen im Rahmen der evidenzbasierten Medizin erfüllen lassen: insbesondere bei seltenen Erkrankungen, oder solchen Erkrankungen in denen man Patienten keine Placebotherapie in einer Kontrollgruppe zumuten kann.

Was spricht dagegen?

Zu kurz kommt mir insgesamt in dieser Debatte, dass gemeinhin als fehlender Nachweis zähl, dass eine Therapie nicht besser wirkt, als eine Behandlung mit Placebos. Das bedeutet aber nicht, dass gegenüber gar keiner Therapie nicht zumindest eine Wirksamkeit im Rahmen des Placeboeffekts vorhanden ist. Die Frage ist nun: Nehmen wir als Gesellschaft inkauf, dass Menschen eigentlich unwirksame Therapien erhalten und hoffen nur auf den Placeboeffekt? Das kann funktionieren, muss aber nicht. Nur lässt sich das im Voraus nicht sagen.

Die in dem Antrag geforderte “Aufklärung” über unwirksame Therapieformen sehe ich kritisch, denn eine “missionarische” Umsetzung dieser Aufklärung würde ich für falsch halten. Obwohl es natürlich grundsätzlich zu begrüßen wäre, wenn es mehr unabhängige Informationsstellen über gesundheitliche Informationen z.B durch das IQWIG über Gesundheitsinformationen.de geben würde. Klar, dies ist ein Antrag für das Grundsatzprogramm und deswegen gibt es auch keine genaue Ausformulierung dieser Forderung, aber auf diesen Aspekt muss man (später) definitiv acht geben.

Fazit?

Puh. Ehrlich gesagt tue ich mich mit diesem Antrag schwerer als ich dachte, mein erster Impuls war “Dafür!”. Aber dann wurde ich mir unsicher, weil es eine strikt wissenschaftliche Sicht in der Beurteilung von Therapieformen etablieren würde. Und nach vielem Nachdenken bin ich nun zu folgendem Schluss gekommen: “Dafür!”.

Und zwar vor allem, weil wir uns als Piraten für eine Politik auf wissenschaftlichen Grundlagen einsetzen wollen. Weil wir unsere Forderungen nicht immer nur mit Gefühlen oder Möglichkeiten untermauern wollen. Und insbesondere in dem Feld der Medizin gibt es hierfür eine sehr gute Ausgangssituation, sodass wir unbedingt solche Forderungen – wie in diesem Antrag hier – in unserem Grundsatzprogramm aufstellen und später in unserer Politik umsetzen sollten.