Category: Kommentiert

Wie gefährlich sind Hausgeburten eigentlich?

In letzter Zeit wurde viel über die vielfältigen Probleme berichtet, vor denen Hebammen in Deutschland stehen. Nicht zuletzt wurde in diesem Rahmen auch immer wieder davor gewarnt, dass “Hausgeburten” zukünftig kaum noch möglich sein werden. Damit würde die Geburt vollends zu einem “medizinischen” Vorgang werden, der praktisch nur noch in Krankenhäusern stattfindet.

Ehrlich gesagt hatte ich damit lange Zeit kein großes Problem, denn in meinem Studium habe ich vieles über die vielfältigen Gefahren im Rahmen einer Geburt gelernt. Ausgestattet mit diesem Wissen kam es mir zeitweise sogar fahrlässig vor ein Kind außerhalb eines Krankenhauses zu bekommen. Schließlich gibt es dort im “Falle eines Falles” quasi keine medizinische Ausstattung um mit einem Notfall adäquat umgehen zu können.

Aber ist das wirklich so? Rein aus Neugier habe ich mich mal zu dem Thema schlau gemacht…

Hausgeburten als Seltenheit

Zunächst einmal sind Hausgeburten in praktisch allen (westlichen) Industrienationen die absolute Ausnahme, mit einem Anteil von im Durchschnitt unter 1% aller Geburten. Wobei dieser Anteil interessanterweise seit wenigen Jahren wieder leicht ansteigt – vor allem bei weißen nicht-hispanischen Frauen. Anders rum gesagt: Etwa eine von 140 Geburten in den USA ist eine Hausgeburt. Aber während es noch vergleichsweise einfach ist, Zahlen zur Demographie oder zur Motivation hinter Hausgeburten zu finden, wird es bei statistischen Auswertungen insgesamt schwieriger. (Hervorheben muss ich hier ganz kurz die Niederlande, denn dort machen Hausgeburten einen Anteil von 23% aller Geburten aus.)

Statistische Daten

Die größten Studie in den USA und Canada bezog 5418 schwangere Frauen ein, wobei solche mit “Risikoschwangerschaften” von vorne herein ausgeschlossen waren. Diese Frauen wurden hinsichtlich mehrerer Merkmale mit einer Kontrollgruppe von Frauen, die ihr Kind in einem Krankenhaus geboren hatten verglichen. Stellt sich raus: Die Häufigkeit an medizinischen Interventionen (Kaiserschnitt, Epiduralanästhesie, etc.) bei Hausgeburten war nur halb so so hoch, wie die der Kontrollgruppe im Krankenhaus. Nur 12% aller Hausgeburten endeten im Krankenhaus, wobei hierbei der Großteil (83%) der werden Mütter noch vor der eigentlichen Geburt ins Krankenhaus transferiert wurde. Dies geschah in der Regel aufgrund von Erschöpfung der Mutter, “Geburtsstillstand“, oder zur Schmerztherapie. Hinsichtlich der Sterblichkeit von Müttern und Kindern konnte zwischen Hausgeburten und Kontrollgruppe kein Unterschied nachgewiesen werden.

Kritisieren muss man an dieser Studie allerdings die Vergleichbarkeit mit der Kontrollgruppe, da zur Hausgeburt neigende Mütter statistisch nicht nur gesünder, und gebildeter waren als eine durchschnittliche schwangere Frau, sondern medizinischen Interventionen insgesamt ablehnender gegenüber standen.

Auch die ebenfalls relativ große Studie “Birthplace in England” bezog insgesamt 64,538 Frauen ein, in den Ergebnissen zeigten sich – bezogen auf Schwangerschaften mit niedrigem Risiko – kaum Unterschiede zwischen Geburten im Krankenhaus oder anderen Orten. Hinsichtlich Todesfällen von Müttern bzw. Kindern, oder Komplikationen lies sich kein Unterschied nachweisen. Deutlichste nachgewiesene Differenz war, dass es bei Geburten außerhalb des Krankenhauses wesentlich weniger medizinische Interventionen gab.  Zwei Aspekte sind noch bemerkenswert: Erstens wurden Erstgebärende in dieser Studie deutlich häufiger im Rahmen einer Hausgeburt ins Krankenhaus transferiert (bis zu 45 vs. 13%). Zweitens lagen die durchschnittlichen Gesamtkosten für Hausgeburten deutlich unter denen von Geburten im Krankenhaus.

Übrigens: Auch in diversen anderen retrospektiven Studien konnte nicht nachgewiesen werden, dass es bei Hausgeburten mehr Komplikationen, oder schlechtere Ergebnisse gab. Allerdings wurde mehrfach nachgewiesen, dass es bei Hausgeburten eine zwei bis dreifach erhöhtes Risiko Wahrscheinlichkeit für einen Tod des Kindes innerhalb der ersten Woche nach der Geburt gab. (Das Odds-Ratio hierfür lag bei Hausgeburten bei 2.87 im Vergleich zu 1.98 bei Geburten im Krankenhaus.)

Update: Ich wurde gefragt, ob dieses zwei bis dreifach erhöhte Risiko nicht ein Problem sei. Der Punkt ist hierbei, dass es um ein erhöhtes Odds-Ratio und damit um eine Wahrscheinlichkeit und nicht um das Risiko an sich geht. Schaut man sich die genauen Zahlen an, dann sterben bei Hausgeburten 0,57 von 1000 Kindern in den ersten 7 Tagen nach der Geburt, während dies bei im Krankenhaus geborenen 0,35 Kinder pro 1000 Geburten sind. Weil es sich um ein sehr kleines tatsächliches Risiko handelt, wird dies wird in der Fachwelt, nicht als spezielles Problem – oder gar einen Grund gegen Hausgeburten – betrachtet.

Welche Schwangerschaft eignet sich für eine Hausgeburt?

Wenn man sich die Empfehlungen anschaut, welche Schwangerschaften als für die Hausgeburt geeignet gelten, dann sind das:

  • “Einzelkinder” (also keine Mehrlingsschwangerschaften), die sich während der Schwangerschaft regelrecht entwickelt haben,
  • das Fehlen von (schwerwiegenden) Erkrankungen der Mutter, oder des Kindes,
  • das Fehlen von Kontraindikationen gegen eine vaginale Entbindung (z.B. Größe oder Lage des Kindes),
  • alle Schwangerschaften, die von (gut ausgebildeten) Hebammen begleitet werden.

Empfohlen wird außerdem, dass bei Hausgeburten das nächstgelegene Krankenhaus mit einer Geburtshilfe nicht weiter als 15 Minuten entfernt liegen und mit der Hebamme in Kooperation stehen sollte. Außerdem sollte bereits vorab eindeutig geklärt sein, wie ein Transport ins Krankenhaus ablaufen soll und welche Umstände hierzu führen würden.

Also was nun?

Sofern es sich bei einer Schwangerschaft nicht um eine Risikoschwangerschaft handelt und sie die oben genannten Kriterien für eine Hausgeburt erfüllt, dann gibt es statistisch gesehen kein erhöhtes Risiko gegenüber Geburten im Krankenhaus. Gleichzeitig gehen Hausgeburten mit wesentlich weniger medizinischen Interventionen einher.

Was ehrlich gesagt ein Ergebnis ist, mit dem ich so nicht gerechnet habe. Und noch ein Grund mehr, sich für den Erhalt der freiberuflichen Hebammen einzusetzen.

More

Die zunehmende Eskalation unserer Kommunikation muss enden

Einige Entwicklungen im Landesverband Hessen der letzten Zeit lassen mich nicht nur ratlos und frustriert werden, sondern führen inzwischen zu Fassungslosigkeit meinerseits. 

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Konflikten, die in erstaunlicher Regelmäßigkeit wieder aufflammen und von vielen beteiligten Menschen mit unglaublicher Vehemenz und unfassbar destruktiv ausgetragen werden. Dabei lässt sich ein wiederkehrendes Muster beobachten: Es wird postuliert es würde eine “richtige” Seite geben, auf der wie “wahren Piraten” stehen und alles andere wären nur Störenfriede, Trolle und ganz sicher maximal “Parteimitglieder” (diese Wörter sind tatsächlich so gefallen!). Außerdem sei auch noch ausgerechnet dieser Konflikt entscheidend dafür, ob die PIRATEN als Partei eine Zukunft hätten, oder ob sie wahlweise entweder untergehen oder sich dem System anpassen.

Sicher haben alle daran beteiligten Menschen jeweils ihren Teil beigetragen und ich will niemandem eine persönliche Schuld zuschreiben. Aber das inzwischen übliche postulieren von “Lagern” und der Einsatz von sehr eindeutig kämpferischer Sprache und das fast reflexhafte handeln im Sinne von “Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!” und “Der Zweck heiligt die Mittel!” sind sehr problematisch. Denn es scheint derzeit nur eine einzige Richtung zu geben:

Eskalation.

Wenn diese Entwicklung kein Ende findet, dann haben wir als Partei unseren Zenit leider überschritten und werden zukünftig kaum noch weitere Wahlerfolge feiern können. Weil die Bürger*innen in diesem Land diesen permanenten Streit sehr wohl (auch ohne Medien) wahrnehmen und wir motivierte Mitglieder innerhalb unserer Strukturen sprichwörtlich verbrennen. (Diesen Absatz habe ich gestrichen, weil er kontraproduktiv war und genau das auch gemacht hat, was ich eigentlich kritisiert habe. Danke für das Feedback, Kia!)

Ich will hier keine Rede im Sinne von “Habt euch alle wieder lieb” halten, sondern euch dringend dazu aufrufen euer eigenes Verhalten zu reflektieren und mit der weiteren Eskalation aufzuhören. Die ersten Schritte zur Deeskalation muss jeder von uns selbst gehen. Es geht überhaupt nicht darum zu klären wer nun Schuld trägt, oder gar wer Recht hat, sondern einfach um die Deeskalation als notwendigen Teil unseres zwischenmenschlichen Umgangs.

Und weil ich keine Lust darauf habe irgendwelchen “Lagern” zugeschrieben zu werden, oder mich gar einem zuordnen zu müssen, werde ich mich zukünftig aus diesen innerparteilichen Diskussionen heraushalten.

More

Wohin des Weges lieber Marburger Bund?

In seiner Mitgliederzeitung vom 25. Januar berichtet der Marburger Bund unter dem Titel “Erster Schlagabtausch…” von der ersten Verhandlungsrunde für die Ärzte mit TV-Ärzte/ VKA. Im zweiten Absatz wird der Verhandlungsführer Rolf Lübke wie folgt zitiert:

“Wir haben den Arbeitgebern deutlich gemacht, dass wir substanzielle Verbesserungen bei den Gehältern und Arbeitszeitregelungen erwarten, ohne die ein Kompromiss nicht vorstellbar ist.”

Nun ist es ein alter Hut, dass die Ärzt*innen grundsätzlich immer mehr Geld haben wollen und langsam sieht sich kaum ein Mensch noch in der Lage, die immer neuen Gehaltsforderungen einfach so zu akzeptieren. Übrigens auch ich als junger Arzt nicht, vor allem weil ich die Arbeitsbedingungen und -zeiten für das viel größere Problem, als meinen Kontostand halte. Die folgenden Forderungen des Marburger Bundes in dieser Verhandlungsrunde offenbaren meiner Meinung nach das enorme Problem, vor allem auch auf Seiten der Gewerkschaft:

[…] – praxisgerechte Bereinigung der Voraussetzungen zur Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeit durch: (1) Einbindung des Betriebsarztes bei der Einführung von Arbeitszeitmodellen, welche die Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeit vorsehen (Sicherstellung des Gesundheitsschutzes); (2) Regelung der Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeitgrenze für alle Bereitschaftsdienststufen einheitlich und direkt im Tarifvertrag; […] (4) Sicherstellung, dass innerhalb eines 24-Stunden-Bereitschaftsdienstes an Wochenenden und Feiertagen nicht mehr als 49 Prozent Arbeitsleistung anfallen; (5) Reduzierung der wöchentlichen Höchstarbeitszeitgrenze; (6) Erhöhung des Tabellenentgelds um 400 Euro monatlich für die individuell zu erklärende Bereitschaft zur Überschreitung der 48-Stunden-Grenze (Opt-Out); […]

Um es kurz zusammenzufassen: Die Gewerkschaft der Ärzt*innen setzt sich nicht dafür ein, dass die tägliche Höchstarbeitszeit nicht mehr überschritten werden darf. Wieso auch, das ist vermutlich nur ein plakativer Titel… Sondern dafür, dass diese Situation in den Tarifverträgen geregelt wird und eine entsprechende Entlohnung stattfindet. Im weiteren Text wird noch erklärt, dass dies vor allem auch dazu dienen soll es den Arbeitgebern unattraktiv zu machen Routinetätigkeiten in den Bereitschaftsdienst zu verlagern, weil dies so unwirtschaftlicher werden würde. Das halte ich zwar grundsätzlich für richtig, bin aber trotzdem ziemlich erstaunt darüber… Denn es handelt sich ganz offenkundig um keine Regelung für Ausnahmefälle, sondern um eine “praxisgerechte Bereinigung der Voraussetzungen”, was heißt: Dieser in meinen Augen untragbare Zustand wird von der Gewerkschaft grundsätzlich akzeptiert.

Es scheint den Verhandlungsführern wichtiger zu sein finanzielle Aspekte zu regeln, als dafür Sorge zu Tragen, dass ganz simple arbeitsrechtliche Dinge wie z.B. die tägliche Höchstarbeitszeit nicht regelhaft überschritten werden. Ich kann das langsam echt nicht mehr Verstehen, was nützt mir alles Geld der Welt wenn ich immer wieder meine Arbeitszeit um ein vielfaches überschreite und die entsprechende Mehrbelastung ertragen muss?

Es wird meiner Meinung nach dringend Zeit, dass der Marburger Bund seinen Fokus weg vom Geld, hin zu den eigentlichen Arbeitsbedingungen verschiebt.

More

Liebe Sexismusleugner, es reicht mir. Wirklich!

Ein kurzer Hinweis in eigener Sache: Ich beteilige mich inzwischen nicht mehr an den Genderdiskussionen der PIRATEN. Es reicht mir einfach. Und ich habe schlicht keine Lust mehr, auf diese immer gleich ablaufenden so genannten “Diskussionen”.

Aber das liegt sicher nicht daran, dass ich der Meinung wäre Sexismus innerhalb der Partei würde kein Problem darstellen. Ich gebe also keine schweigende Zustimmung zu dem, was manche Menschen (ihr wisst bestimmt, wen bzw. was ich meine) auf Mailinglisten, bei Twitter, oder sonstwo erzählen… Denn nicht nur Sexismus im speziellen, sondern Diskriminierung insgesamt, ist ein reales Problem in unserer Gesellschaft. Da auch wir “nur” ein Abbild unserer Gesellschaft sind, finden sich diese Probleme genauso auch innerhalb der PIRATEN wieder. Wir sind keine besseren Menschen, wir sind nicht fortschrittlicher und ganz bestimmt sind wir in unserer Summe nicht Post-Gender.

Ich bin nach wie vor bereit mit anderen Menschen darüber zu diskutieren, welche konkreten Auswirkungen die gesellschaftliche Realität auf unsere internen Strukturen und Prozesse hat. Und genauso bin ich dazu bereit, darüber zu diskutieren, wie wir eine Gleichstellung von diskriminierten Menschen (nicht nur Männer und Frauen!) innerhalb der PIRATEN erreichen können. Aber eine Diskussion setzt die Bereitschaft aller Teilnehmer voraus, sich auf die Argumente des Gegenübers einzulassenUnd deswegen werde ich meine Energie nicht mehr damit verschwenden, mich mit Leugnern dieser gesellschaftlichen Realität zu unterhalten. Auch werde ich nicht mehr mit Menschen diskutieren, welche die Diskussion vom eigentlichen Thema ablenken wollen.

Diskriminierung ist Scheiße, aber sie ist ein gesellschaftlicher Fakt. Und wir alle diskriminieren laufend andere Menschen, auch das ist Scheiße, aber genauso ein Fakt. Alles was uns bleibt ist zu sagen: “Okay, es gibt Diskriminierung. Was können wir dagegen tun?” Und an anderen Diskussionen, als solchen unter dieser Prämisse, werde ich mich zukünftig innerhalb der PIRATEN nicht mehr beteiligen.

Für mein eigenes Wohl.

More

Warum ich mich kaum über die Abschaffung der Praxisgebühr freuen kann.

Seit ich mich intensiver mit Politik beschäftige habe ich immer wieder diese Momente, in denen ich als Außenstehender einigermaßen rat- und fassungslos bin. Gestern hat der Bundestag wieder so einen Moment erzeugt, als in einer denkwürdigen Sitzung erst das Betreuungsgeld angenommen und die Praxisgebühr abgeschafft wurde. Über das Betreuungsgeld will ich mich nicht besonders auslassen, denn das können andere Menschen viel besser als ich. Aber ehrlich gesagt kann ich mich über die Abschaffung der Praxisgebühr nur bedingt freuen…

Aber fangen wir vorne an: Im Jahr 2003 beschloss die Schwarz-Grüne Koalition das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung, dies enthielt unter anderem die Erhebung der Praxisgebühr. Schon damals gab es aus vielen Richtungen Kritik an diesem Schritt, die sich inzwischen zum Großteil als berechtigt herausgestellt hat:

  • Vor allem Patienten mit niedrigem Einkommen und schlechtem Gesundheitszustand würden seit Einführung der Praxisgebühr seltener zum Arzt gehen. Auch sei es nicht gelungen, die Wirkung der Praxisgebühr durch Härtefallanträge unabhängig vom Einkommen zu gesalten. 1 Dadurch ist zu erwarten, dass es im weiteren Verlauf zu durch ausbleiben von rechtzeitigen Arztbesuchen insgesamt zu höheren Kosten kommen wird.
  • Es zeigte sich weder eine nachhaltige Wirkung der Praxisgebühr im Sinne von Einsparungen der kassenärztlichen Leistungen, noch eine Verringerung Anzahl der Arztkontakte. (2003 vor Einführung: ~16%, 2012 nach Einführung: ~18%) 2 3 Während die Mitarbeiter in den Arztpraxen gleichzeitig massiv durch den erhöhten Verwaltungsaufwand belastet werden würden. 4
  • Seit der Einführung stieg die Anzahl der Überweisungen um mehr als 40% an, sodass vermutet wird, dass mehr Patienten zunächst zum Hausarzt und nicht mehr direkt zum Facharzt gehen würden. 5 An diesem Punkt wirkt die Praxisgebühr offenbar tatsächlich, einzig fehlt der Nachweis eines positiven Effektes, denn es konnte bisher nicht gezeigt werden, dass auch die Anzahl an Behandlungen durch Fachärzte abgenommen hätten.
  • Und nicht zu vergessen die knapp zwei Milliarden Euro, welche die gesetzlichen Krankenkassen durch die Praxisgebühr zusätzlich einnehmen konnten. Wobei dies letztendlich nur indirekte, ungleich verteilte und in den Arztpraxen eingezogene Zuzahlung der Versicherten ist.

Um es zusammenzufassen: Die Praxisgebühr ist gescheitert. Sie hat nicht die gewünschten Effekte erzielt und darum haben sich die Politiker der Parteien zunehmend für deren Abschaffung eingesetzt. Als Erste dafür eingesetzthaben sich DIE LINKE, welche ihre Forderung immer wieder erneuert haben. Inzwischen haben sich auch SPD GRÜNE und sogar die FDP dieser Forderung angeschlossen, wurden allerdings in ihren Bemühungen zuletzt durch die Schwarz-Gelbe Koalition blockiert. 6 Das lag vor allem am Koalitionsvertrag, welcher die Beibehaltung der Praxisgebühr auf Wunsch der Union vorsah.

Doch auf einmal, nach der letzten Tagung des Koalitionsausschusses die Kehrtwende: Um im Kuhhandel das Betreuungsgeld zu erhalten musste sich die Union auf die Abschaffung der Praxisgebühr einlassen. Und plötzlich konnte es nicht schnell genug gehen, die Abschaffung der Praxisgebühr wurde schnell an den Gesetzentwurf zum “Assistenzpflegegesetz” getackert und in einer bemerkenswert einstimmigen Abstimmung der anwesenden 548 Abgeordneten einstimmig angenommen. Der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) kommentiere dies mit den Worten, er habe sowas noch nie erlebt. Es gab vor der Abstimmung im Plenum des Bundestags eine längere, heftige Debatte – aber nicht über die Abschaffung als solche – sondern welcher Partei diese denn nun zu verdanken sei. Und wer hätte es gedacht, alle Parteieien sahen sich selbst als Ursprung dieses Entschlusses… Dieser Wettstreit in den Reden erinnerte mich aber eher an einen Kindergarten, als an eine Debatte im Parlament.

Der Grund warum ich mich über die Abschaffung der Praxisgebühr nicht freuen kann ist, dass hier eine offensichtlich gescheiterte Maßnahme allein zum Koalitionsfrieden aufrecht erhalten wurde. Das es erst eines Kuhhandels, rund um das ebenfalls sehr umstrittene Betreuungsgeld brauchte um dieses Anliegen aller Parteien außer der Union umzusetzen.

Letztendlich ging es also gar nicht um die Sachfrage und ich hätte mir vorhin die Aufzählung der Argumente auch komplett sparen können. Denn der entscheidende Punkt war die Erhaltung des Koalitonsfriedens und damit auch der eigenen Macht, solange bis man sein Anliegen gegen ein anderes Austauschen konnte. Die Praxisgebühr mit allen ihren negativen Auswirkungen war nicht viel mehr als ein Faustpfand der Union um selbst ein eigenes strittiges Anliegen in der Koalition zu fördern. Somit stellt die Abschaffung der Praxisgebühr zwar vordergründig einen Erfolg dar, ist aber insgesamt ein erschreckendes Zeugnis vom Zustand unserer Parteiendemokratie.

In solchen Momenten bin ich mir sicher, dass es Notwendig ist mit den PIRATEN die politische Landschaft aufzumischen. Es ist wichtig, dass es weniger verlässliche Mehrheiten und weniger “parlamentarische Zwänge” durch Koalitionsverträge und weniger Kuhhandel gibt. Denn so wichtige Fragen wie z.B. die Abschaffung der Praxisgebühr dürfen nicht einfach durch die derzeitige Machtpolitik entschieden werden!


  1. Studie des Gesundheitsmonitors der Bertelsmann Stiftung aus 2005
  2. Klartext: Praxisgebühr wirkt steuernd“, kassenärztlichen Bundesvereinigung vom 01.04.2005
  3. Süddeutsche Zeitung: “Weg mit der Praxisgebuehr
  4. Bürokratie belastet Ärzte“, Pressemitteilung der kassenärztlichen Bundesvereinigung vom 10. April 2006
  5. Klartext: Praxisgebühr wirkt steuernd“, kassenärztlichen Bundesvereinigung vom 01.04.2005
  6. DIE LINKE: “Bahr in Sachen Praxisgebühr doppelzüngig

More

Lernen ist (manchmal) schmerzhaft

Vor Monaten war ich Teil eines kleinen Gates, des so genannten KleeGates. Es ging im Kern darum, dass der Stadtverordnete Sascha Klee nach längerer Vorgeschichte aus der Piratenpartei ausgetreten ist. Dabei habe ich vor allem die Lektion gelernt, dass man nicht aus einem Reflex heraus auf ein Ereignis reagieren soll.

Warum das so wichtig ist, merkte ich erst heute wieder: In einem Artikel im Cicero äußert sich Herr Klee über seinen Parteiaustritt, der Kreisverband kommt wie folgt zu Wort:

Die Marburger Piraten schäumten, als sie von Klees Austritt erfuhren. Es habe einen monatelangen Streit gegeben, erklärte der Kreisverband. Und forderte, dass der Politiker auch sein Mandat niederlege: Es gebe „keine Rechtfertigung dafür, der Partei den Rücken zu kehren und das Amt einfach zu behalten“.

Und die Botschaft davon ist mehr als deutlich. Auch die PopcornPiraten verlinken den Artikel und zitieren genau diesen einen Satz. Verbunden mit einem Verweis auf die Doppelmoral, da die Piratenpartei Jörg Tauss (mit seinem Mandat) mit offenen Armen empfangen hat – was ich auch damals schon kritisch gesehen habe.

Woher dieses Zitat ursprünglich stammt, kann man zwar hier im Blog nachlesen. Aber natürlich interessiert das nicht mehr. Denn letztendlich kommt nur diese zugespitzte Version bzw. die damit transportierte Botschaft, bei den Lesen des Cicero& den Popcorn Piraten an.

Tja. Manchmal ist lernen halt ein schmerzhafter Prozess…

More

Gedanken zur Organspendedebatte

Es ist erst ein paar Tage her, da erhob Harald Terpe (Gesundheitsexperte der Grünen) den Vorwürf, dass Privatpatienten vermutlich bei Transplantationen bevorzugt werden würden. Grundlage dafür waren Daten von Eurotransplant, in denen Terpe folgendes bemerkt hatte: Der Anteil von Privatpatienten unter den Menschen, die ein Spenderorgan transplantiert bekamen sei auffällig hoch – im Vergleich zu ihrem Anteil auf der Warteliste.

Es passierte natürlich das, was zu erwarten war: Die Empörung war groß, alle großen Medien berichteten darüber und auch auf Twitter wurden die Vorwürfe thematisiert. Diverse Leute in meiner Timeline bekundeten nun endgültig das Vertrauen in die Organspende in Deutschland verloren zu haben und kritisierten Ärzte, die DSO, das Gesundheitsministerium und überhaupt das gesamte korrupte System. Und die Opposition griff natürlich den Gesundheitsminister an und kritisierte die Politik der Koalition in Bezug auf die derzeitige Organspendepolitik.

Ich fand es absurd diese Pseudodiskussion über Organspende zu führen, denn die Daten hatte natürlich niemand zur Hand. Auf Twitter hatte ich vorsichtig vermutet, es könnte systematische Unterschiede zwischen Privat- und Gesetzlich Versicherten geben. Was mich störte war vor allem, dass sich hier auf Grundlage einer Erwartungshaltung empört wurde, anstatt sich erst einmal mit Aussagen von Terpe zu beschäftigen und die Daten kritisch zu analysieren.

Natürlich hält sich die Empörung nicht lange im Internet und schnell geriet das Thema wieder in Vergessenheit. Aber nicht ganz, denn im Spiegel ergriff Axel Rahmel der medizinische Direktor von Eurotransplant das Wort: Die Daten seien “leider missverständlich interpretiert worden“, außerdem könne ein solcher Rückschluss aus den von Terpe genutzten Daten nicht statistisch sauber gezogen werden. Rahmels Argumentation kann ausführlich beim Spiegel nachgelesen werden und wirkt erstmal plausibel. In der Öffentlichkeit wird dies natürlich – erst Recht im Vergleich zur Empörung – wenig bis gar nicht wahrgenommen.

So bleibt unterm Strich eine weiter zunehmende Skepsis gegenüber den an der Organspende beteiligten Organisationen, damit wird die Bereitschaft zur Organspende auch weiterhin sinken. Und ich kann mich nur wiederholen: Themen wie die Organspende sollten wesentlich sensibler gehandhabt werden.

More

Der angeblich hirntote Student

Durch Twitter wandert heute ein Beitrag der unter dem Titel “Der Student, der jüngst noch «hirntod» war” in verschiedenen Zeitungen erschienen ist. Die zugehörige Geschichte ist vor vier Jahren in England passiert und geht etwa wie folgt: Nach einem Autounfall erklären die Ärzte einen Schwerverletzten mit massiven Verletzungen des Gehirns für Hirntod und befragen daraufhin die Eltern bezüglich einer möglichen Organspende. Der Vater glaubt den Ärzten nicht, informiert eine Privatärztin, willigt nicht ein und nach einiger Zeit erwacht der angeblich Hirntote wieder zum Leben – und studiert heute.

Kommentiert wird dieses Geschehen von verschiedenen Ärzten, die im Wesentlichen von einem peinlichen und in Deutschland unmöglichen Vorfall reden, die Diagnose Hirntod in diesem Fall anzweifeln und darauf verweisen doch bitte mehr auf Angehörige zu hören.

Soweit, so gut. Verwiesen wird aber auch auf die Kampagnen für Organspende, in denen darauf verwiesen wird, dass es bei Organspenden auf jede Sekunde ankommen würde. Dies bezieht sich aber nicht auf die Spender, sondern auf die Empfänger. Für diese kann jeder weitere Tag Wartezeit zu viel sein. Das heißt natürlich alles nicht, dass die Diagnostik um den Hirntod festzustellen so fahrlässig wie in dem in den Artikeln im beschriebenen Fall ablaufen darf.

Über den beschriebenen Fall kann man nur Mutmaßungen anstellen, fakt ist aber: Die Diagnose Hirntod war falsch und hätte zu diesem Zeitpunkt – mit der Grundlage “sowas überlebt sonst keiner” – nicht gestellt werden können und dürfen. Es gibt dazu deutsche Leitlinien, die auf dem Transplantationsgesetz beruhen – und diese hätten in diesem Fall niemals die Diagnose “Hirntod” ergeben. Natürlich ist es wichtig und richtig über die Definition des Hirntodes und die Regelung der Organspende zu diskutieren. Aber einen vier Jahre alten Einzelfall aus England emotional aufzubauschen, und die Leser damit einem diffusen Gefühl der Angst auszusetzen, erscheint mir dafür wenig hilfreich.

More