Category: Medizinisches

Wie gefährlich sind Hausgeburten eigentlich?

In letzter Zeit wurde viel über die vielfältigen Probleme berichtet, vor denen Hebammen in Deutschland stehen. Nicht zuletzt wurde in diesem Rahmen auch immer wieder davor gewarnt, dass “Hausgeburten” zukünftig kaum noch möglich sein werden. Damit würde die Geburt vollends zu einem “medizinischen” Vorgang werden, der praktisch nur noch in Krankenhäusern stattfindet.

Ehrlich gesagt hatte ich damit lange Zeit kein großes Problem, denn in meinem Studium habe ich vieles über die vielfältigen Gefahren im Rahmen einer Geburt gelernt. Ausgestattet mit diesem Wissen kam es mir zeitweise sogar fahrlässig vor ein Kind außerhalb eines Krankenhauses zu bekommen. Schließlich gibt es dort im “Falle eines Falles” quasi keine medizinische Ausstattung um mit einem Notfall adäquat umgehen zu können.

Aber ist das wirklich so? Rein aus Neugier habe ich mich mal zu dem Thema schlau gemacht…

Hausgeburten als Seltenheit

Zunächst einmal sind Hausgeburten in praktisch allen (westlichen) Industrienationen die absolute Ausnahme, mit einem Anteil von im Durchschnitt unter 1% aller Geburten. Wobei dieser Anteil interessanterweise seit wenigen Jahren wieder leicht ansteigt – vor allem bei weißen nicht-hispanischen Frauen. Anders rum gesagt: Etwa eine von 140 Geburten in den USA ist eine Hausgeburt. Aber während es noch vergleichsweise einfach ist, Zahlen zur Demographie oder zur Motivation hinter Hausgeburten zu finden, wird es bei statistischen Auswertungen insgesamt schwieriger. (Hervorheben muss ich hier ganz kurz die Niederlande, denn dort machen Hausgeburten einen Anteil von 23% aller Geburten aus.)

Statistische Daten

Die größten Studie in den USA und Canada bezog 5418 schwangere Frauen ein, wobei solche mit “Risikoschwangerschaften” von vorne herein ausgeschlossen waren. Diese Frauen wurden hinsichtlich mehrerer Merkmale mit einer Kontrollgruppe von Frauen, die ihr Kind in einem Krankenhaus geboren hatten verglichen. Stellt sich raus: Die Häufigkeit an medizinischen Interventionen (Kaiserschnitt, Epiduralanästhesie, etc.) bei Hausgeburten war nur halb so so hoch, wie die der Kontrollgruppe im Krankenhaus. Nur 12% aller Hausgeburten endeten im Krankenhaus, wobei hierbei der Großteil (83%) der werden Mütter noch vor der eigentlichen Geburt ins Krankenhaus transferiert wurde. Dies geschah in der Regel aufgrund von Erschöpfung der Mutter, “Geburtsstillstand“, oder zur Schmerztherapie. Hinsichtlich der Sterblichkeit von Müttern und Kindern konnte zwischen Hausgeburten und Kontrollgruppe kein Unterschied nachgewiesen werden.

Kritisieren muss man an dieser Studie allerdings die Vergleichbarkeit mit der Kontrollgruppe, da zur Hausgeburt neigende Mütter statistisch nicht nur gesünder, und gebildeter waren als eine durchschnittliche schwangere Frau, sondern medizinischen Interventionen insgesamt ablehnender gegenüber standen.

Auch die ebenfalls relativ große Studie “Birthplace in England” bezog insgesamt 64,538 Frauen ein, in den Ergebnissen zeigten sich – bezogen auf Schwangerschaften mit niedrigem Risiko – kaum Unterschiede zwischen Geburten im Krankenhaus oder anderen Orten. Hinsichtlich Todesfällen von Müttern bzw. Kindern, oder Komplikationen lies sich kein Unterschied nachweisen. Deutlichste nachgewiesene Differenz war, dass es bei Geburten außerhalb des Krankenhauses wesentlich weniger medizinische Interventionen gab.  Zwei Aspekte sind noch bemerkenswert: Erstens wurden Erstgebärende in dieser Studie deutlich häufiger im Rahmen einer Hausgeburt ins Krankenhaus transferiert (bis zu 45 vs. 13%). Zweitens lagen die durchschnittlichen Gesamtkosten für Hausgeburten deutlich unter denen von Geburten im Krankenhaus.

Übrigens: Auch in diversen anderen retrospektiven Studien konnte nicht nachgewiesen werden, dass es bei Hausgeburten mehr Komplikationen, oder schlechtere Ergebnisse gab. Allerdings wurde mehrfach nachgewiesen, dass es bei Hausgeburten eine zwei bis dreifach erhöhtes Risiko Wahrscheinlichkeit für einen Tod des Kindes innerhalb der ersten Woche nach der Geburt gab. (Das Odds-Ratio hierfür lag bei Hausgeburten bei 2.87 im Vergleich zu 1.98 bei Geburten im Krankenhaus.)

Update: Ich wurde gefragt, ob dieses zwei bis dreifach erhöhte Risiko nicht ein Problem sei. Der Punkt ist hierbei, dass es um ein erhöhtes Odds-Ratio und damit um eine Wahrscheinlichkeit und nicht um das Risiko an sich geht. Schaut man sich die genauen Zahlen an, dann sterben bei Hausgeburten 0,57 von 1000 Kindern in den ersten 7 Tagen nach der Geburt, während dies bei im Krankenhaus geborenen 0,35 Kinder pro 1000 Geburten sind. Weil es sich um ein sehr kleines tatsächliches Risiko handelt, wird dies wird in der Fachwelt, nicht als spezielles Problem – oder gar einen Grund gegen Hausgeburten – betrachtet.

Welche Schwangerschaft eignet sich für eine Hausgeburt?

Wenn man sich die Empfehlungen anschaut, welche Schwangerschaften als für die Hausgeburt geeignet gelten, dann sind das:

  • “Einzelkinder” (also keine Mehrlingsschwangerschaften), die sich während der Schwangerschaft regelrecht entwickelt haben,
  • das Fehlen von (schwerwiegenden) Erkrankungen der Mutter, oder des Kindes,
  • das Fehlen von Kontraindikationen gegen eine vaginale Entbindung (z.B. Größe oder Lage des Kindes),
  • alle Schwangerschaften, die von (gut ausgebildeten) Hebammen begleitet werden.

Empfohlen wird außerdem, dass bei Hausgeburten das nächstgelegene Krankenhaus mit einer Geburtshilfe nicht weiter als 15 Minuten entfernt liegen und mit der Hebamme in Kooperation stehen sollte. Außerdem sollte bereits vorab eindeutig geklärt sein, wie ein Transport ins Krankenhaus ablaufen soll und welche Umstände hierzu führen würden.

Also was nun?

Sofern es sich bei einer Schwangerschaft nicht um eine Risikoschwangerschaft handelt und sie die oben genannten Kriterien für eine Hausgeburt erfüllt, dann gibt es statistisch gesehen kein erhöhtes Risiko gegenüber Geburten im Krankenhaus. Gleichzeitig gehen Hausgeburten mit wesentlich weniger medizinischen Interventionen einher.

Was ehrlich gesagt ein Ergebnis ist, mit dem ich so nicht gerechnet habe. Und noch ein Grund mehr, sich für den Erhalt der freiberuflichen Hebammen einzusetzen.

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Emergency contraception: Separating fact from fiction

Emergency contraception: Separating fact from fiction von Pelin Batur, MD, in Cleve Clin J Med. 2012 Nov;79(11):771-6. doi: 10.3949/ccjm.79a.12019.

“Rates of unintended pregnancy and abortion are high, yet many doctors do not feel comfortable discussing emergency contraception with patients, even in cases of sexual assault. Since the approval of ulipristal acetate (ella) for emergency contraception, there has been even more confusion and controversy. This article reviews various emergency contraceptive options, their efficacy, and special considerations for use, and will attempt to clarify myths surrounding this topic.”

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The Politics of Emergency Contraception

In our opinion, the secretary’s decision to retain behind-the-counter status for Plan B One-Step [anm. “Pille danach”, mit Levonorgestrel als Wirkstoff] was based on politics rather than science. It cannot be based on issues of safety, since a 12-year-old can purchase a lethal dose of acetaminophen in any pharmacy for about $11, no questions asked. The only documented adverse effects of a $50 dose of levonorgestrel are nausea and delay of menses by several days. Any objective review makes it clear that Plan B is more dangerous to politicians than to adolescent girls. Thus, we once again have a situation in which political considerations are forming the basis of public health policy — resulting in another sad day for women.

Zitiert aus “The Politics of Emergency Contraception” im New England Journal of Medicine.

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Gesundheitskongress der PIRATEN

Dieses Wochenende bin ich beim Gesundheitskongress der PIRATEN im Unperfekthaus in Essen. Es gibt für das tolle Programm zwar auch einen Stream (Sa, So), aber ich habe gehört, dass trotzdem alle an Gesundheitspolitik interessierten Menschen als Gäste willkommen sind… 😉

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Wohin des Weges lieber Marburger Bund?

In seiner Mitgliederzeitung vom 25. Januar berichtet der Marburger Bund unter dem Titel “Erster Schlagabtausch…” von der ersten Verhandlungsrunde für die Ärzte mit TV-Ärzte/ VKA. Im zweiten Absatz wird der Verhandlungsführer Rolf Lübke wie folgt zitiert:

“Wir haben den Arbeitgebern deutlich gemacht, dass wir substanzielle Verbesserungen bei den Gehältern und Arbeitszeitregelungen erwarten, ohne die ein Kompromiss nicht vorstellbar ist.”

Nun ist es ein alter Hut, dass die Ärzt*innen grundsätzlich immer mehr Geld haben wollen und langsam sieht sich kaum ein Mensch noch in der Lage, die immer neuen Gehaltsforderungen einfach so zu akzeptieren. Übrigens auch ich als junger Arzt nicht, vor allem weil ich die Arbeitsbedingungen und -zeiten für das viel größere Problem, als meinen Kontostand halte. Die folgenden Forderungen des Marburger Bundes in dieser Verhandlungsrunde offenbaren meiner Meinung nach das enorme Problem, vor allem auch auf Seiten der Gewerkschaft:

[…] – praxisgerechte Bereinigung der Voraussetzungen zur Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeit durch: (1) Einbindung des Betriebsarztes bei der Einführung von Arbeitszeitmodellen, welche die Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeit vorsehen (Sicherstellung des Gesundheitsschutzes); (2) Regelung der Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeitgrenze für alle Bereitschaftsdienststufen einheitlich und direkt im Tarifvertrag; […] (4) Sicherstellung, dass innerhalb eines 24-Stunden-Bereitschaftsdienstes an Wochenenden und Feiertagen nicht mehr als 49 Prozent Arbeitsleistung anfallen; (5) Reduzierung der wöchentlichen Höchstarbeitszeitgrenze; (6) Erhöhung des Tabellenentgelds um 400 Euro monatlich für die individuell zu erklärende Bereitschaft zur Überschreitung der 48-Stunden-Grenze (Opt-Out); […]

Um es kurz zusammenzufassen: Die Gewerkschaft der Ärzt*innen setzt sich nicht dafür ein, dass die tägliche Höchstarbeitszeit nicht mehr überschritten werden darf. Wieso auch, das ist vermutlich nur ein plakativer Titel… Sondern dafür, dass diese Situation in den Tarifverträgen geregelt wird und eine entsprechende Entlohnung stattfindet. Im weiteren Text wird noch erklärt, dass dies vor allem auch dazu dienen soll es den Arbeitgebern unattraktiv zu machen Routinetätigkeiten in den Bereitschaftsdienst zu verlagern, weil dies so unwirtschaftlicher werden würde. Das halte ich zwar grundsätzlich für richtig, bin aber trotzdem ziemlich erstaunt darüber… Denn es handelt sich ganz offenkundig um keine Regelung für Ausnahmefälle, sondern um eine “praxisgerechte Bereinigung der Voraussetzungen”, was heißt: Dieser in meinen Augen untragbare Zustand wird von der Gewerkschaft grundsätzlich akzeptiert.

Es scheint den Verhandlungsführern wichtiger zu sein finanzielle Aspekte zu regeln, als dafür Sorge zu Tragen, dass ganz simple arbeitsrechtliche Dinge wie z.B. die tägliche Höchstarbeitszeit nicht regelhaft überschritten werden. Ich kann das langsam echt nicht mehr Verstehen, was nützt mir alles Geld der Welt wenn ich immer wieder meine Arbeitszeit um ein vielfaches überschreite und die entsprechende Mehrbelastung ertragen muss?

Es wird meiner Meinung nach dringend Zeit, dass der Marburger Bund seinen Fokus weg vom Geld, hin zu den eigentlichen Arbeitsbedingungen verschiebt.

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Healthy Tuesday – Vorbereitung auf Prüfungen

Die Sara hat in ihrem Blog den “Healty Tuesday” ausgerufen und heute einen Beitrag mit Tipps Zur Prüfungsvorbereitung gepostet. Weil ich die Idee total gut finde – und vor nicht allzu langer Zeit selbst mein Staatsexamen hinter mich gebracht habe – hier auch noch ein paar Tipps von mir.

Inhalte auswählen

Es ist wichtig, sich erstmal einen Überblick von den möglichen Inhalten der Prüfung(en) zu verschaffen. Es geht dabei nicht nur darum, festzustellen was man theoretisch alles für die Prüfungen lernen müsste, sondern auch einzuschätzen wie viel Aufwand welches Thema erfordert und wie groß der zu erwartende Nutzen sein würde. Denn es macht wenig Sinn, viel Zeit und Mühe in das lernen eines Themas zu investieren, was in der Prüfung nur einen winzigen Anteil hat. Das gilt insbesondere für Prüfungen, große Themengebiete (z.B. Anatomie) oder mehrere Fächer auf einmal enthalten. Außerdem gilt es die Nachhaltigkeit des gelernten Wissens der Prüfung einzuschätzen, gerade bei den Grundlagenfächern wie Anatomie, Biochemie und Physiologie empfiehlt es sich Inhalte auf Verständnis zu lernen – bei den kleinen bzw. Nebenfächern kann man sich aber auch gezielt mit Altklausuren, etc. nur auf die jeweilige Prüfung vorbereiten. Man kann niemals alles verstanden haben und – so ist zumindest meine persönliche Erfahrung – gelegentlich ist zu viel Wissen auch hinderlich in den Prüfungen.

Angenehme Atmosphäre schaffen

Wenn man sich überlegt hat, was man tatsächlich – und in welcher Intensität – lernen will, dann gilt es sich die jeweils am besten passende Arbeitsumgebung zu schaffen. Mancher Mensch lernt am besten aus ausführlichen Lehrbüchern in der Bibliothek, andere Menschen mit den Vorlesungsfolien, eigenen Notizen am heimischen Schreibtisch nach Mitternacht. Die Situation muss nur für einen selbst optimal gewählt sein, weswegen es wenig Sinn macht, sich dabei nach anderen zu richten. Aber: Es ist wichtig, sich mit mehreren Sinne mit den Inhalten zu beschäftigen, einfach nur lesen reicht nicht aus. Man kann Mindmaps malen, Notizbücher vollkritzeln, sich selbst Sachen vorsprechen, Post-Its in der Wohnung verteilen, aus Knete oder Lego Dinge basteln. Die Möglichkeiten sind unendlich groß, entscheidend ist die Abwechslung. Nichts ist schrecklicher als eintöniges lernen, deshalb: Wenn man gefühlt nicht so richtig weiterkommt, einfach den Mut haben etwas zu verändern und ausprobieren ob es dann besser klappt. Es gibt keinen perfekten Weg.

Ausgleich schaffen

Und mindestens ebenso wichtig ist es, das “drumherum” gut zu gestalten. Das heißt zum einen braucht es einen Ausgleich neben dem Lernen. Das kann sein gemeinsam mit anderen Menschen in regelmäßigen Pausen einen Kaffee in der Bibliothek trinken gehen, oder sich alleine die Füße zu vertreten. Entscheidend ist dabei, den Kopf frei zu kriegen und nicht nur über die Prüfung nachzudenken, im Sommer kann man sich auch einfach nur mal in die Sonne raussetzen. Ansonsten ist alles erlaubt: von Wohnung putzen über Sport (z.B. Joggen oder Schwimmen), bis hin zu Bücher lesen, etwas Malen oder auch mal ein entspannendes Bad nehmen. Wenn man das nicht alleine machen will, empfiehlt es sich das gemeinsam mit einem Menschen zu tun, der/ die nichts mit der Prüfung zu tun hat. Und ganz wichtig: Wenn einem der Kopf platzt, alles stehen und liegen lassen und etwas anderes machen. Sich mit Gewalt dazu zwingen, etwas zu lernen klappt einfach nicht. Zum Ausgleich gehört übrigens auch ausreichend viel Schlaf, denn der ist wichtig um das gelernte in seinem Kopf sortieren zu können und auch um sich von der anstrengenden Zeit erholen zu können! Am Besten nimmt man sich feste Zeiten vor, zu denen man mit einem Ritual ins Bett geht und versucht sich zu entspannen… irgendwann kommt der Schlaf. Zur Not kann man auch noch etwas Lesen, oder ein Hörspiel anhören. Allerdings nichts, was den Geist anstrengt!

Ansonsten darf man sich in der Vorbereitungszeit zu Prüfungen auch ruhig mal was gönnen, insbesondere was das Essen angeht. Selbst wenn man das nicht möchte, sollte man darauf achten sich einigermaßen ausgewogen zu ernähren, denn mit hungrigem Magen lernt es sich schlecht. Ganz toll sind Obst, Gemüse in allen erdenklichen Variationen. Wobei natürlich auch – gerade während des eigentlichen Lernens – Süßigkeiten völlig okay und erlaubt sind. Falls man sich da etwas “zähmen” möchte, kann man sich die Süßigkeiten auch prima als kleine Belohnungen für erfolgreiches Lernen (z.B. nach jedem geschafften Kapitel, etc.) einteilen. Nicht zu unterschätzen ist übrigens das Trinken, es ist wichtig ausreichend viel zu trinken, auch wenn es einen dann vielleicht eher aufs Klo treibt. Und nur Kaffee, Red Bull und Cola zählen hier nicht… 😉 Wobei auch das natürlich relativ ist… Es nützt nichts, ausgerechnet in der Vorbereitung einer Prüfung anders machen zu wollen.

Um das wichtigste in einem Satz zu sagen: Wenn man schon lernen muss, dann sollte man das drumherum möglichst angenehm gestalten, dass trägt nämlich viel zum Erfolg bei.

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Nachdenken

Tja. Nun bin ich also Arzt, was eine seltsame Sache ist, denn was das bedeutet habe ich noch nicht so wirklich kapiert. Aber ausgehend von den Reaktionen darauf und den vielen Glückwünschen, muss es wohl etwas ganz tolles sein. Aus meiner Perspektive bin ich einfach nur dem durch das Studium vorgezeichneten Weg gefolgt und nun am Ende des Weges angekommen. Und damit beginnt nun – also nachdem ich mich diverse Male hab feiern lassen – eine wirklich spannende Zeit. Sozusagen der Ernst des Lebens. Was mir noch ziemlich unheimlich ist. Natürlich war mir immer klar, dass dies auf mich zukommen würde. Aber musste es schon jetzt sein? 😉

Einerseits war das Leben als Student echt schön. Vor allem wegen des selbstbestimmten Lebens. Im Grunde konnte ich tun was und wann ich wollte. Und wenn ich keine Lust auf das Seminar hatte, bin ich entweder einfach nicht hingegangen oder habe es bei einem anderen Termin besucht. Nicht das ich dies wirklich oft gemacht hätte, aber ich hatte die Freiheit mir meine Zeit einigermaßen frei einteilen zu können. Und dadurch hatte ich nicht zuletzt auch immer Freiraum, den ich für alle möglichen Dinge, Hobbies oder auch nur zum Prokrastinieren nutzen konnte. Zeit zu haben, war ein echtes Privileg.

Anderseits wartet nun das Berufsleben auf mich. Ich bekomme die Chance das zu tun, was ich seit vielen Jahren wollte, auch wenn mir vor der vielen Verantwortung und der Arbeitsbelastung graut. Denn obwohl ich wahnsinnig viel Zeug gelernt (und wieder vergessen) habe, es fühlt sich nicht so an, als wäre ich schon bereit für den nächsten Schritt. Was nicht heißen soll, dass mein Studium schlecht gewesen wäre. Aber nicht ohne Grund warten nun mindestens 5 weitere Jahre Ausbildung auf mich, denn es reicht für einen Arzt einfach nicht aus, nur eine Menge theoretisches Wissen in seinem Kopf zu haben. Und natürlich ist es auch wirklich toll, endlich eigenes Geld zu verdienen und mein Leben auch finanziell in die eigenen Hände zu nehmen…

Es gibt jedenfalls echt viele Dinge über die ich derzeit nachdenke. Vieles davon ist echt theoretisch, denn es hängt alles von so vielen Faktoren ab, die ich nicht alle vorhersagen kann. Trotzdem schwirren einem Gedanken durch den Kopf…

Mache ich eigentlich das Richtige? Und woran erkenne ich das? Bin ich schon reif genug dafür, ein Arzt zu sein? Und was für ein Fach soll ich überhaupt wählen? […] Wie finde ich eine gute Stelle? Und in welchen Regionen will ich danach suchen? Was und wie wichtig sind mir alle möglichen Dinge, die man bei der Stellensuche berücksichtigen kann? Oder sollte? Muss?! Was muss ich alles noch erledigen, bevor es “endlich” losgehen kann? […] Wie bekomme ich mein sonstiges Leben mit dem zukünftigen Beruf vereint? […]

Wahrscheinlich wird mich die Realität einfach überholen und ich werde einen neuen Lebensabschnitt begonnen haben, bevor ich diese Fragen auch nur annähernd beantworten konnte. Es bleibt also spannend! 😉

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Ich gegen den zweiten Endgegner

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Morgen ist es also soweit, der zweite von zwei Endgegnern (umgangssprachlich auch Staatsexamen genannt) wartet auf mich. Diesmal ist es die mündliche Prüfung, des Hammerexamens. Ganz vielen Dank an alle da draußen, die mir für die nächsten zwei Tage ihre Daumen drücken wollen! Alles wird gut werden.

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Mein Besuch beim Refugeecamp in Frankfurt

Heute war ich in Frankfurt, beim hessischen Flüchtlingsstreik an der Hauptwache. Auf Wunsch der tollen Menschen vom @FluchtundAsyl habe ich als “fast Arzt” mal einen Blick auf die Gesundheit der Flüchtlinge geworfen. Trotz der eigentlich weiten Anfahrt von über einer Stunde habe ich nicht lange zögern müssen, weil ich nicht Zuhause rumsitzen und mich in meiner Passivität selbst ob meiner Hilflosigkeit bemitleiden wollte.

Der Pavillon des Flüchtlingsstreiks an der Frankfurter Hauptwache

Der Pavillon des Flüchtlingsstreiks an der Frankfurter Hauptwache

Das Camp in Frankfurt besteht aus einem Pavillon  der neben dem Eingang einer Kirche ganz unscheinbar am großen Platz in der Fußgängerzone über dem S-Bahnhof Hauptwache steht. Wenn man nicht auf die Kundenfänger, bzw. die Menschen im Pavillon achtet, könnte man sie fast für einen “normalen” Infostand halten und einfach vorbei gehen. Insgesamt war vielleicht ein gutes Dutzend Menschen anwesend, die meisten davon Flüchtlinge. Wenn man sich dem Camp nähert, ist schnell der erste Kontakt zu den Flüchtlingen hergestellt und das Eis gebrochen. Ich war völlig überwältigt von der sehr freundlichen und herzlichen Begrüßung, überhaupt herrschte eine sehr angenehme Atmosphäre.

Aufgrund der stark eingeschränkten Möglichkeiten habe ich mich darauf beschränkt, Ansprechpartner für die Flüchtlinge zu sein, was heißt dass ich ihnen vor allem zugehört habe. In Frankfurt befindet sich (zum Glück) niemand im Hungerstreik, was bedeutet, dass die Flüchtlinge vor allem unter der Kälte, dem vielen Stehen und dem Schlafdefizit leiden. Sodass hier außer guten Ratschlägen (was natürlich immer leichter gesagt, als getan ist) eigentlich wenig zu tun war. Eigentlich. Denn viel gravierender ist die psychische Belastung der Flüchtlinge, diese Anspannung ist deutlich spürbar. Und so lassen sich viele der vorhandenen Beschwerden auf den Streik selbst zurückführen, aber genau den wollen die Flüchtlinge natürlich – aus verständlichen Gründen – nicht einschränken.

Und so bestand die Arbeit vor allem darin Menschen zuzuhören, ihre Sorgen und Nöte ernst zunehmen und ihnen Ratschläge zur Bewältigung dieser Situation zu geben. Fast so wie ein Hausarzt, denn man ist ein fachkundiger Dritter. Denn natürlich will man nicht alle seine Nöte mit jedem, erst recht seinen Mit-Flüchtlingen bereden. In Deutschland haben wir außerdem einiges, was in den Heimatländern der Flüchtlinge nicht üblich ist. So waren einige verwundert darüber dass Themen die für sie aufgrund kultureller Prägungen schwierig sind, bei uns gesellschaftlich weitestgehend akzeptiert sind.

Ich fand meinen Besuch insgesamt sehr befriedigend und habe gemerkt, warum ich Arzt werden will, so kitschig das jetzt auch klingen mag: für die Menschen. Und nur darum geht es: Vor Ort da zu sein, den Flüchtlingen Gesellschaft zu leisten und ihnen bei Bedarf eine helfende Hand anzubieten. Es geht darum den Unterschied auszumachen, zur grauen Masse – die möglichst ohne das Camp zu beachten – in ihrem Alltag vorbeistürmt.

Es kommt darauf an etwas zu zeigen, dass unser Staat und unsere Gesellschaft im Umgang mit den Flüchtlingen so sträflich vermissen lassen: Solidarität. Wenn man sich solidarisch zeigt, bekommt schnell die riesige Dankbarkeit der Flüchtlinge zu spüren, bei der es auch überhaupt nicht darauf ankommt, selbst etwas tolles zu können.

Es ist ein kleiner Schritt Menschlichkeit zu zeigen, aber mit einer großen Wirkung.

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