Organspende im Liquid Feedback

Im bundesweiten Liquid Feedback der Piratenpartei gibt es zur Zeit ein Thema zur “Organspende”. Ein Thema, zu dem es – wie zu unendlich vielen anderen – aktuell noch gar keine Aussage der Piraten gibt. Ich selbst habe eine Initiative beigetragen, möchte hier ein wenig über meine Gedanken dazu berichten und zur Diskussion aufrufen! :-)

Gestartet wurde dieses Thema mit einer Initivative, welche die Forcierung der Organ- und Gewebebeschaffung forderte. Abgesehen von der Form (das Thema wurde mit dem Regelwerk für Programmanträge gestartet und die Initiative stellt meiner Meinung nach keinen solchen Antrag dar) habe ich einiges an inhaltlicher Kritik.

Als Lösung des Problems der Knappheit an Spenderorganen wird vom Ersteller der Initiative eine Liberalisierung der Organ- und Gewebebeschaffung gefordert, dazu werden zwei mögliche Methoden genannt: Zum einen soll die Lebendspende nicht mehr an enge Verwandschaftsverhältnisse gebunden sein, sondern einem größeren Kreis an Menschen eröffnet werden. Wie das aussehen könnte wird allerdings nicht in der Initiative ausgeführt. Und als zweite Möglichkeit wird in der Initiative gefordert, man solle finanzielle Anreize für die Organspende schaffen – wohlgemerkt: auch für die postmortale Oranspende, nicht nur für die Lebendspende.

Beides sehe ich kritisch, weil ich den Themenkomplex der Organspende als einen sehr sensibles Thema empfinde. Kaum ein Mensch will sich überhaupt Gedanken über den Tod machen, geschweige denn den eigenen Tod, oder gar eine Organspende nach dem eigenen Tod. Und Angehörige stehen in solchen Situationen vor einem gigantischen Dilemma…

Darum sehe ich als unsere wichtigste Aufgabe die Verbesserung der gesellschaftlichen Akzeptanz von Organspenden und habe eine entsprechende Gegeninitiative mit der Forderung zeitgemäßer Organspendepolitik ins Liquid Feedback eingestellt. Und diese Akzeptanz sehe ich insbesondere dann gefährdet, wenn hier in diesem Zusammenhang von “Liberalisierung” und “Vergütung” gesprochen wird. Es gibt sehr starke Vorbehalte der Menschen gegenüber allem, was den Anschein von Organhandel erweckt. Und diese Gefahr sehe ich, sollte man den Kreis der Lebendspender vergrößern und ihnen gar eine finanzielle Vergütung in Aussicht stellen. Und ein weiteres persönliches Ziel von mir ist es die Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen, indem man sie einfach bis zum Widerspruch zu Organspendern erklärt. Denn das führt meiner Erfahrung nach eher zu ablehnendem Verhalten.

Eine weitere Gegeninitiative fordert die Widerspruchsregelung für postmortale Organspenden, dabei gilt jeder Mensch erstmal als Organspender, es sei denn er hat dem Zeit seines Lebens widersprochen. Sollte sich kein Wille feststellen lassen, so räumt diese Initiative den Hinterbliebenen das Recht ein – im Sinne des mutmaßlichen Willens – der Organspende zu widersprechen. Ob die Befragung der Hinterbliebenen, bei nicht dokumentiertem Willen ein kann, oder ein muss ist, dazu trifft diese Initiative leider (noch) keine Aussage. Aber ich habe das bereits angeregt. Dann würde ich nämlich diese Initiative ebenfalls unterstützen, auch wenn mir die zusätzlichen Aspekte meiner Initiative für eine zeitgemäßere Organspendepolitik hier fehlen würden.

Außerdem gibt es noch eine weitere Initiative, die schlicht und einfach fordert, dass die eigenen Organe nicht in den Handel geraten dürfen. Und das in einer Form, die auch nicht grade zu einem Programmantrag passt. Vorsichtig gesagt.

Noch stehen etwa 28 Tage Diskussionsphase für dieses Thema aus und ich bin schon sehr gespannt auf eure Anregungen, Kritik, Vorschläge und weitere Initiativen! Diskutieren kann man das Thema übrigens auch echt gut im Piratenwiki. :-)

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Wir müssen das erklären. RTFM? GTFO!

Diesen Artikel habe ich mit freundlicher Hilfe von und zusammen mit Jan “pyth” Leutert verfasst. Wir sind übrigens beide Mitglieder der Piratenpartei, wer hätte es gedacht!

Liebe Piraten, wir müssen reden.

Im Moment erleben wir einen sagenhaften Ansturm und ein großes Interesse an dem, was wir so tun. Dabei kommen wir ständig an den Punkt, dass interessierte Menschen an uns teilhaben wollen. Und was tun wir? Sagen denen “Schau mal im Wiki nach!”, “Frag auf der Mailingliste”, “Geh mal ins Mumble.”, und vieles mehr. Die Muße das alles haarklein zu erklären haben wir natürlich nicht, denn in Wirklichkeit blicken nur die wenigsten in dem Wirrwarr an Kommunikationskanälen der Piratenpartei durch.

An dieser Stelle möchte ich an einen hervorragenden Blogbeitrag von Stephan Urbach und tiefpunkt verweisen. Die haben zwar über Hackerspaces gebloggt, aber das Problem ist das gleiche: Wir verschließen uns. Wir grenzen uns ab.

Natürlich sind Hackerspaces und die Piratenpartei überhaupt nicht vergleichbar, denn schließlich sagen wir nicht “Hey, die Piratenpartei ist ein elitärer Club, du kommst hier nicht rein!”. Aber wir verharren in unseren selbstgeschaffenen Strukturen, durch die kaum ein Neumitglied durchsteigen wird und alles was wir – in guter alter Nerdtradition sagen – ist: RTFM. Bei uns heißt das dann z.B. “Schau im Wiki nach, irgendwo ist das versteckt.”

Das führt schnell zu Frustration und sorgt dafür, dass viele neue Mitglieder schnell in eine viel zu passive Rolle rutschen. Mitarbeit von neuen Mitgliedern wird dadurch strukturell verhindert. Denn wir wollen offenbar unsere gefühlte Macht nicht abgeben, sie nicht teilen. Den heiligen Gral der Mitarbeit in der Piratenpartei selbst in der Hand behalten.

Wir firmieren unter dem Label der “Mitmachpartei”. Neumitglieder und Interessenten zur Mitarbeit zu motivieren ist unsere Aufgabe. Wir haben diese Strukturen (mit-) geschaffen. Und wir sind in der Pflicht sie den neuen Mitgliedern in der Partei erklären – niemand sonst. Und wenn wir dafür zu FAUL sind, dann müssen wir zumindest dafür Sorge tragen, dass es gute und leicht auffindbare Anleitungen gibt. Es kann durchaus nervig sein drei mal am Tag das gleiche zu schreiben, oder den fünften Stammtisch in Folge die gleiche Einweisung in die Arbeit der Piraten zu machen.

Ja damals™ hat uns auch keiner erklärt wie es funktioniert, auch wir haben uns durchgebissen und uns Strukturen geschaffen mit denen wir arbeiten konnten. Oh weh, oh weh wenn das heute ein neues Mitglied wagen würde. Da wäre die Empörung gigantisch, denn das wäre unpiratig. Die zeiten sind allerdings auch anders. Wir sind nicht mehr die 6000 Piraten die sich fast alle kannten. Damals konnte man unklare Workflows noch schnell über Bord werfen und gegen bessere ersetzen. Heute ist dies nicht mehr so einfach.

Darum: Nehmt die Menschen dort mit, wo sie sind. Erklärt ihnen, wie diese Partei funktioniert. Und wenn es zu kompliziert zum erklären ist, dann ändert das.

Und der nächste, der einem neuen Piraten einfach nur mit RTFM kommt. Dem werde ich mit GTFO antworten.

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Flüssiges zur Arzneimittelpreisverordnung

Zukünftig möchte ich hier im Blog, interessante Themen und Initiativen aus dem Liquid Feedback der Piratenpartei aufgreifen, kommentieren und mit anderen diskutieren. Darum eröffne ich mit diesem Beitrag eine neue Kategorie, mit dem unglaublich kreativen Motto “Liquidwatch”. Jaja, ich weis… 😉

Zur Zeit wird im Liquid Feedback der Piratenpartei ein Thema zur “Arzneimittelpreisverordnung” abgestimmt. Ursprünglich gab es innerhalb des Themas zwei alternative Initiativen, von denen jedoch nur eine das erforderliche Quorum an Unterstützern geschafft hat.

Worum geht es?

Stein des Anstoßes ist die so genannte Arzneimittelpreisverordnung, sie schreibt insbesondere die Preisbildung von rezeptpflichtigen Medikamenten vor. Und das geht so: Für die verschiedenen Beteiligten in der logistischen Kette vom Produzenten bis zum Patienten, wird in der Verordnung festgelegt, wie groß der maximalen Zuschlag auf den vorher feststehenden Preis der Arzneimittels sein darf.

Für verschreibungspflichtige Arzneimittel kann es praktisch keinen fairen Wettbewerb geben, deshalb regelt die Arzneimittelverordnung die Preisbildung. Als Ausgangspunkt wird der vom Produzenten festgelegte Verkaufspreis genommen. Großhandel und Apotheken erheben darauf staatlich festgesetzte Zuschläge (und Mehrwertsteuer), dazu kommt dann noch für die Apotheken ein Dienstleistungshonorar von 8,10€ pro Packung. Im Direkteinkauf durch die Apotheken sind dagegen Spannen zwischen 16 und 100% Aufschlag zulässig. Außerdem erhalten die gesetzlichen Krankenversicherungen von den Apotheken einen Großkundenrabatt. Dieser besteht aus einem preisunabhgängigen Zuschlag von 70 Cent pro Packung, zuzüglich einem preisabhängigen Zuschlag von 3,15% auf den Abgabepreis der pharmazeutischen Industrie.

Damit aber noch nicht genug, die gesetzlichen Krankenversicherungen können zusätzliche Rabattverträge mit der pharmazeutischen Industrie aushandeln, wodurch dann festgelegt wird von welchem Hersteller ein Kunde in der Apotheke sein Arzneimitel erhalten darf. Das alles wird mit viel Magie in den Kassensystemen der Apotheken miteinander verrechnet und am Ende kommt vor allem eins raus: Verwirrung. Stimmts?

Die Initiativen

Erstens: Aufhebung der Arzneimittelpreisverordnung

Es gab zu diesem Thema zwei Initiativen, die eine davon forderte die Aufhebung der Arzneimittelpreisverordnung. Dadurch solle der Preiswettbewerb in dieser lukrativen Sparte des Handels eröffnet werden, dadurch – so die Annahme – würden die Preise fallen, die Kunden könnten sich frei den günstigsten Anbieter suchen und die Krankenkassen dadurch finanziell entlastet werden. Außerdem sollten überhaupt nur noch «nachweislich wirksame» Medikamente von den Krankenkassen erstattet werden müssen.

Und alle Apotheken könnten so selbst um die Preise der Arzneimittel verhandeln, weshalb der finanzielle Druck für günstige Preise auf die pharmazeutische Industrie erhöht werden könnten. Das dies ein ungleicher Kampf ist, in dem viele Apotheken nur verlieren können ist dem Ersteller dieser Initiative nicht nur bewusst, sondern er ist erwünscht: Man bräuchte schlicht und einfach im Zeitalter von Lieferdiensten und Internetapotheken nicht mehr «an jeder Ecke» eine Apotheke. Entsprechend würde dieser Einwand gegen diese Veränderung als «Todschlagargument» nicht akzeptiert werden.

Zweitens: Arzneimittelpreisverordnung beibehalten& Rabattverträge verbieten

Die zweite Initiative stellt die Vorzüge der Arzneimittelpreisverordnung in den Vordergrund, sorge sie doch für flächendeckend einheitliche Preise für Medikamente – und gesicherte Gewinnmargen für Apotheken. Der Wettbewerb zwischen Apotheken würde zum Wettkampf um die Gesundheit der Patienten, Stichwort: Gesundheit als Ware. Außerdem sei eine räumliche Nähe zu Apotheken auch in den heutigen Zeiten wichtig, denn «viele ältere Menschen nutzen Aufgrund von Misstrauen und Nichtwissen [die] Online-Angebote nicht».

Das eigentliche Problem liege laut dieser Initiative nicht in den Apotheken, sondern in den intransparenten Rabattverträgen der gesetzlichen Krankenversicherungen mit der pharmazeutischen Industrie. Dadurch würden die Apotheker von den Krankenkassen dazu gezwungen bestimmte Arzneimittel mit ohnehin niedrigem Preis, zu noch günstigeren Konditionen, zu verkaufen – wobei sich die Gewinnmargen natürlich beachtlich verringern. Außerdem würden die Krankenkassen so über das Recht verfügen, zu Prüfen, ob auch die “richtigen” Tabletten (also vom richtigen Hersteller) verkauft wurden und gegebenenfalls Rückzahlungen von den Apotheken zu fordern.

Außerdem wäre die Sicherheit der Patienten gefährdet, vielen würden Generika nicht vertrauen oder die aufgrund eines geänderten Rabattvertrags die neuen Medikamente falsch dosieren.

Meine Meinung

Ich bin mir sicher, dass es bei (verschreibungspflichtigen) Arzneimitteln grundsätzlich keinen fairen Wettbewerb geben kann. Darum bin ich ehrlich gesagt froh darüber, dass die erste Initiative am 10% Quorum gescheitert ist. Denn der Ursprung für die hohen Kosten für Arzneimittel im deutschen Gesundheitssystem liegt nicht in den Apotheken. Die Art und Weise wie die pharmazeutische Industrie Preise festlegen kann ist das zugrunde liegende Übel und muss vom Gesetzgeber neu geregelt werden.

Als einen sinnvollen ersten Schritt auf diesem Weg sehe ich die in der zweiten Initiative geforderte Abschaffung der Rabattverträge. Darum habe ich diese Initiative mit meiner Stimme unterstützt und fordere euch dazu auf, es mir gleich zu tun! Dadurch wird zwar nicht das eigentliche Problem gelöst, aber es wird etwas an Komplexität aus diesem beinahe undurchschaubaren Dickicht hinaus genommen. Außerdem würde so der Druck auf die gesetzlichen Krankenversicherungen und die Hersteller von Generika erhöht, sich auch für andere Lösungen dieses Problems, jenseits von Rabattverträgen zu, interessieren.

Einen Schritt weiterdenken

In der zweiten Initiative wird angeregt, dass der angestrebte Wettbewerb zur Verringerung der Preise besser auf die Ebene der pharmazeutischen Industrie gebracht werde sollte. Die Maßnahme der Wahl dafür wäre die Abschaffung von Patenten auf Arzneimittel, ein Thema das schon einige Male im Umfeld der Piratenpartei diskutiert worden ist. Offensichtlich ist es nach wie vor ein wichtiges Thema und sollte dringend fester Bestandteil der Agenda werden.

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Transparenz in Sachen Leistungs- und Qualitätsunterschiede

In einem Positionspapier fordert die Piratenpartei, dass Informationen über “Leistungs- und Qualitätsunterschiede” zugänglich und transparent bereitgestellt werden sollen. Diese Forderung richtet sich meiner Meinung nach vor allem an das Institut für Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), welches als unabhängiges Institut Nutzen und Schaden von medizinischen Leistungen für Patienten untersucht. Ist ja gut und schön, aber was bedeutet das?

Im Grunde genommen funktioniert das IQWIG so: Es erstellt – in der Regel im Auftrag von Gesundheitsministerium, oder vom gemeinsamen Bundesausschuss – unabhängige und evidenzbasierte (dazu demnächst mehr) Gutachten zu medizinischen Leistungen oder Maßnahmen. Das kann von Medikamenten über Diagnoseverfahren bis hin zu Leitlinien alles mögliche sein. Ziel ist dabei immer die entsprechenden Leistungen, oder Maßnahmen auf Nutzen oder Schaden für Patienten zu untersuchen. Und das ist natürlich streng geheimes Wissen… oh, oder auch nicht…

Damit es an dieser Stelle zu keinen Missverständnissen kommt: Das IQWIG veröffentlicht bereits viele Informationen auf seiner Website: Das sind zum einen alle Ergebnisse seiner Untersuchungen in unterschiedlichsten Versionen z.B. im Volltext, Schnellberichten, Dossiers, oder in “allgemeinverständlich”. Und zum anderen nutzt das IQWIG die Website Gesundheitsinformation.de als Plattform um «unabhängige, evidenzbasierte und allgemeinverständliche Informationen» frei für alle Bürger zur Verfügung zu stellen.

Das ist vielleicht nicht jedem bekannt, aber zumindest die Autoren des Positionspapieres scheinen das gewusst zu haben. Denn gefordert wird in dem Positionspapier eine andere Qualität von Informationen, für die als einziges Beispiel eine Positivliste von Arzneimitteln genannt wird. Die Idee dahinter ist: Alle Medikamente mit nachgewiesener Wirksamkeit landen auf einer großen gemeinsamen Liste. Dann müssen Patienten und Ärzte nicht erst langwierig viele einzelne Studien und Berichte lesen, sondern finden schnell heraus ob ein Medikament hilft – oder auch nicht.

Das IQWIG scheint der perfekte Ansprechpartner für solche Fragen zu sein, soll es doch unabhängig Nutzen und Schaden von unter anderem auch Medikamenten bewerten. Eigentlich ist diese Idee wirklich gut, die Frage ist nur: Was wollen wir eigentlich vom IQWIG begutachtet wissen und wer soll den Auftrag dazu erteilen?

Hierzu sollten aber zunächst einmal die Fragen, bzw. die Zielsetzungen, geklärt werden, damit man nicht nur eine Positivliste für Medikamente als Beispiele im Angebot hat. Mir schwebt da etwas im Sinne der Top 5, der wichtigsten “Informationen” vor, oder ähnliches vor. Damit dem IQWIQ, bzw. dem Gesundheitsministerium (oder wem auch immer), ein konkreter Katalog an wichtigen Fragen und Zielen hinsichtlich Leistungs- und Qualitätsunterschieden vorgelegt werden kann. Es gilt also die Forderung aus dem Positionspapier mit konkreten und ausformulierten Zielen zu unterfüttern, damit sie als eigener Aspekt in zukünftige Wahlprogramme einziehen kann.

(Angemerkt sei hier übrigens noch, dass vom IQWIG in seinen Gutachten natürlich auch wirtschaftliche Aspekte von Leistungen berücksichtigt werden. Wofür es auch schon Kritik als vermeintlicher Helfershelfer der Rationalisierung der Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung einstecken musste.)

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Generation Y, oder: das muss alles ganz anders!

Immer wieder hab ich beim Arbeiten im Krankenhaus bemerkt, dass zwischen mir und den “alten” Ärzten ein tiefer Graben verläuft. Zumindest was die Einstellung zur Medizin als Job angeht. Entsprechend begeistert war ich, als ich heute bei Facebook folgenden Artikel der FAZ sah: “Generation Y: der alte Arzt hat ausgedient“, so heißt das also. Ich habe zwar auch Kritik an der Darstellung der so genannten “Generation Y” in diesem Artikel, stimme aber dem Inhalt in weiten Teilen zu. Denn die Erwartungen der jungen Mediziner (mich eingeschlossen), an das Berufsleben wandeln sich radikal.

Der Beruf “Arzt” ist längst keine Berufung mehr, die über allem steht. Er wurde degradiert zu einem normalen Beruf, wie jeder andere. Dadurch ändert sich der Maßstab, mit dem bewertet wird: mangelndes Sozialleben durch unbezahlte Überstunden? Tagelange ständige Dienste? Miserable Weiterbildung durch autoritäre Choleriker? Unvereinbarkeit von Familie und Beruf? Das alles ist traurige Realität, in den deutschen Krankenhäusern. Und wird vom Nachwuchs längst nicht mehr klaglos akzeptiert.

Ein Novum, erhoben Ärzte doch bislang höchstens dann ihre Stimmen um für mehr Gehalt zu kämpfen. Doch der demographische Wandel macht es möglich, denn wo Ärztemangel herrscht, ist niemand mehr dem System gegenüber machtlos. Wenn eine Klinik keine passenden Arbeitsbedingungen schafft, bleibt der Nachwuchs einfach weg. Es entsteht also endlich ein wirklicher Arbeitsmarkt, was einigen Leuten ernsthaft Angst macht. Den in den herrschenden Zeiten von Privatisierungen und Gewinnmaximierung im Gesundheitswesen kommt das denkbar ungünstig.

Als Teil der “Generation Y” in der Ärzteschaft muss ich aber betonen, dass es bei diesem Kampf nicht darum geht möglichst wenig zu arbeiten. Diesen Eindruck könnte man nach der Lektüre des FAZ Artikels leider bekommen, was ich schade finde. Denn es geht doch eigentlich im Prinzip darum, die über viele Jahre gewachsenen verkrusteten Strukturen der ärztlichen Arbeit im Gesundheitswesen zu überwinden!

Ich bin Jahrgang 86, will als Arzt im Krankenhaus arbeiten, aber ich erwarte Respekt von meinem Arbeitgeber. Respekt dafür, dass

  • ich ein Sozialleben haben will und die Arbeit als Arzt nicht mein ganzes Leben ausfüllen darf.
  • ich erwarte meine Arbeitszeiten einhalten zu können, Überstunden eine Ausnahme sind und angemessen ausgeglichen werden.
  • ich eine fundierte und an einem verbindlichen Curriculum orientierte Weiterbildung erhalte.
  • ich Familie und Beruf vernünftig mit Hilfe meines Arbeitgebers unter einen Hut bringen kann.

Dann bin ich gerne bereit dazu viel und auch hart zu arbeiten und mich dabei voll und ganz im Rahmen meiner Fähigkeiten ins Team einzubringen. Oder ist das zu viel verlangt?

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Der angeblich hirntote Student

Durch Twitter wandert heute ein Beitrag der unter dem Titel “Der Student, der jüngst noch «hirntod» war” in verschiedenen Zeitungen erschienen ist. Die zugehörige Geschichte ist vor vier Jahren in England passiert und geht etwa wie folgt: Nach einem Autounfall erklären die Ärzte einen Schwerverletzten mit massiven Verletzungen des Gehirns für Hirntod und befragen daraufhin die Eltern bezüglich einer möglichen Organspende. Der Vater glaubt den Ärzten nicht, informiert eine Privatärztin, willigt nicht ein und nach einiger Zeit erwacht der angeblich Hirntote wieder zum Leben – und studiert heute.

Kommentiert wird dieses Geschehen von verschiedenen Ärzten, die im Wesentlichen von einem peinlichen und in Deutschland unmöglichen Vorfall reden, die Diagnose Hirntod in diesem Fall anzweifeln und darauf verweisen doch bitte mehr auf Angehörige zu hören.

Soweit, so gut. Verwiesen wird aber auch auf die Kampagnen für Organspende, in denen darauf verwiesen wird, dass es bei Organspenden auf jede Sekunde ankommen würde. Dies bezieht sich aber nicht auf die Spender, sondern auf die Empfänger. Für diese kann jeder weitere Tag Wartezeit zu viel sein. Das heißt natürlich alles nicht, dass die Diagnostik um den Hirntod festzustellen so fahrlässig wie in dem in den Artikeln im beschriebenen Fall ablaufen darf.

Über den beschriebenen Fall kann man nur Mutmaßungen anstellen, fakt ist aber: Die Diagnose Hirntod war falsch und hätte zu diesem Zeitpunkt – mit der Grundlage “sowas überlebt sonst keiner” – nicht gestellt werden können und dürfen. Es gibt dazu deutsche Leitlinien, die auf dem Transplantationsgesetz beruhen – und diese hätten in diesem Fall niemals die Diagnose “Hirntod” ergeben. Natürlich ist es wichtig und richtig über die Definition des Hirntodes und die Regelung der Organspende zu diskutieren. Aber einen vier Jahre alten Einzelfall aus England emotional aufzubauschen, und die Leser damit einem diffusen Gefühl der Angst auszusetzen, erscheint mir dafür wenig hilfreich.

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Mehrklassenmedizin, mal anders?

Frau Müller, 82 Jahre, die Mutter von Dr. Meier aus der Inneren, ist hier stationär wegen […]” und dann ging es weiter im normalen Text. Die zentrale Botschaft war bei allen Beteiligten angekommen, viel wichtiger als die Erkrankung der Patientin war ihre Zugehörigkeit. Denn es gibt einen erlesenen Zirkel, zu dem nur gezählt wird wer Angehöriger oder guter Freund von Mitarbeitern eines Krankenhauses ist. Es handelt sich dabei um eine besondere Form der Mehrklassenmedizin, die alleine auf persönlicher Bekanntschaft beruht. Die Frage ist: kann das etwa verwerflich sein?

Nein. Erstmal ist das natürlich nicht verwerflich, denn im Grunde ziehen die allermeisten Leute irgendwie einen persönlichen Vorteil aus ihrem Arbeitsverhältnis: Günstigere Konditionen, kürzere Warte- und schnellere Bearbeitungszeiten, die Möglichkeiten sind förmlich unendlich. Im Fall der Medizin ist dies in der Regel die implizite (gelegentlich auch explizite) Forderung einer Sonderbehandlung der Patienten dieses Zirkels. Alles muss top sein, es dürfen keine Fehler passieren, die Mitarbeiter sollen daher möglichst sorgsam und ordentlich arbeiten, der Datenschutz und die Intimsphäre des Patienten sollen besonders berücksichtigt werden… Klingt gut, oder?

Aber ich frage mich in solchen Situationen: Sollte Muss das nicht immer so sein? Wie z.B. auch ein Piloten tragen die Mitarbeiter im Krankenhaus eine große Verantwortung, für die Gesundheit ihrer Patienten. Daher müssen immer große Ansprüche an die Versorgung von Patienten gestellt werden. Und dabei ganz besonders auch an die körperliche Unversehrtheit, die Wahrung der Intimsphäre und den Datenschutz. Unversehrtheit meint in diesem Zusammenhang übrigens eher die aktive Vermeidung von Fehlern und das sorgsame, ordentliche Arbeiten – krank, oder verletzt sind die Patienten ohnehin schon.

Wenn eine bestimmte Gruppe herausgestellt wird, bei der alles “besser” laufen soll, als sonst. Gesteht man sich dann nicht ein, das die “normale” Behandlung nicht gut genug ist? Was für einen beliebigen Menschen ausreicht, ist offensichtlich für meine Angehörigen lange nicht genug. Ich empfinde das als einen sehr unbefriedigenden Zustand und bemühe mich immer darum, alle Patienten so gut es mir möglich ist zu betreuen. Und irgendwie erscheinen mir solche Äußerungen dann als Dolchstoß… Wie seht Ihr das?

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Neu. Start.

Tja. Seit ich – wieder einmal – vollmundig den letzten Neustart dieses Blogs verkündet hatte, ist inzwischen wieder einiges an Zeit vergangen. Und der Rückblick auf meine Aktivität in dieser Zeit fällt vernichtend aus. Wahrscheinlich war mein Anspruch einfach zu groß. Und darum ändere ich nun das Konzept meines Blogs: Es gibt ab sofort keine regelmäßigen Beiträge mehr, kein Programmschema, etc…

In der letzten Zeit ist einiges in meinem Leben passiert und dadurch werden sich meine inhaltlichen Schwerpunkte hier im Blog verändern. Trotzdem will ich, zumindest einige Ideen, z.B. die Serien von Beiträgen, beibehalten – das alles befindet sich aber noch in der Schwebe. Ankündigen will ich hier allerdings vorerst (noch) nichts, denn das ist die letzten Male ordentlich in die Hose gegangen… Und ich muss endlich aus diesen Fehlern lernen!

Und jetzt: Weitergehen, denn es gibt hier (noch) nichts zu sehen… Abgesehen vom neuen Design, denn dessen Tauglichkeit für mobile Endgeräte musste ich dringend verbessern! Und einigen alten Inhalten, die ich demnächst auch noch “aufhübschen” werde… 😉

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Robberg Nature Reserve – Garden Route

Und weiter geht’s!

Ausgeschlafen haben wir zwar nicht, aber nach einem kurzen, improvisierten Frühstück geht es wieder los. Wir setzen uns wieder einmal in unser Auto, immerhin liegt unser Ziel diesmal ausnahmsweise nicht so weit entfernt. Wir fahren knapp 10 Minuten und erreichen dann das “Robberg Nature Reserve“. Das ist eine Art Halbinsel, die vor allem aus Felsen, Dünen und Tieren und Pflanzen besteht. Auf dem Parkplatz erwarten uns viele Schilder, auf denen die Besucher darauf hingewiesen werden, dass die Wanderungen anspruchsvoll sein sollen. Also marschieren wir mit festem Schuhwerk und viel Wasser los.

Die verschiedenen Gesteinschichten

Die verschiedenen Gesteinschichten

Wir begeben uns nun bei herrlichstem Wetter auf die mittlere der drei Wanderungen. Und tatsächlich der Weg ist etwas holperig und wir laufen durch schön anzusehende Büsche langsam in Richtung Klippen. Auf dem Weg sehen wir Geografie hautnah, in den überall zu sehenden Felsformationen kann man viele verschiedene Gesteinschichten sehen. Nicht das wir Ahnung davon hätten, aber man kann z.B. Schichten voller Muscheln sehen. Ziemlich faszinierender Anblick, der einen Hauch von Geschichtsträchtigkeit verbreitet.

In der Brandung jagende Robben

In der Brandung jagende Robben

Langsam erreichen wir die Klippen und haben einen wirklich schönen Ausblick auf den Strand von Plettenberg Bay und das Indische Meer. Der Weg wird etwas anstrengender, zwischendurch muss man fast klettern, was uns bei den steigenden Temperaturen und prallem Sonnenschein zum schwitzen bringt. Aber unten am Wasser sehen wir wie sich die Wellen an den schroffen Klippen brechen. Und siehe da! Zwischen den Wellen sehen wir kleine Gruppen von Robben, die sich mit spielerischer Leichtigkeit in den tosenden Wellen.

Endlich: die Robbenkolonie

Endlich: die Robbenkolonie

Auf unserem Weg kommen wir langsam der Robbenkolonie des Naturreservats näher. Wir können sie zwar noch nicht sehen, aber schon deutlich hören. Außerdem sieht man mehr und mehr Robben bei der Jagd, die von oben wie ein Spiel aussieht. Gelegentlich soll man hier auch Haie sehen können, klar genug Futter scheint es hier ja zu geben. Schließlich, als wir die Robbenkolonie bereits einige Zeit lang riechen können, sehen wir sie auch endlich! Obwohl der Anblick eher unspektakulär ist, die Robben lassen sich vor allem die Sonne auf den Bauch scheinen. Einer Weile faszinierter Beobachtung und gehen wir weiter.

Angekommen auf der Spitze des Robbergs

Das Schild sagt, lieber woanders langgehen.

Das Schild sagt, lieber woanders langgehen.

Nun kommen wir oben auf dem Kamm dieser Halbinsel an, hier laufen wir einige Zeit durch ein schieres Dickicht aus Sträuchern und Büschen, dabei sehen wir unter anderem ziemlich große Heuschrecken und viele Vögel. Es ist eine atemberaubender Weg mitten durch Flora und Fauna, es fühlt wirklich so an als wäre man mittendrin in der Wildnis. Und der Weg ist entsprechend, zwischendurch muss man über große Felsbrocken klettern und wir sind froh festes Schuhwerk an unseren Füßen zu tragen. Dann erreichen wir eine große Düne, die den Robberg in der Mitte einmal durchzieht.

Der Trampelpfad zum Sandstrand

Der Trampelpfad zum Sandstrand

Von nun an geht es Bergab, durch den Sand. Darum ziehen wir nun auch die Schuhe aus, obwohl der Sand stellenweise ziemlich aufgeheizt ist, den Rest haben wir schon so weit wie möglich ausgezogen. Die Sonne brennt auch weiterhin stark aus dem strahlend blauen Himmel herab. Es geht einen schmalen Weg mitten durch diverse Gewächse, irgendwelche Gräser, Disteln und Dünenrosen. Der Weg scheint nicht zu enden, das Wasser wirkt bereits so nah.  Und dann endlich weitet sich der schmale Pfad und erweitert sich hin zu einem wunderschönen Sandstrand. Kurz vorher geht es noch etwa 50 Meter relativ steil bergab (leider ohne Bild), aber es ist wirklich spektakulär da einfach mal runter zu rennen!

Hier beginnt die Achterbahnfahrt zum Strand

Hier beginnt die Achterbahnfahrt zum Strand

Ankunft am Strand

Der Sand ist unglaublich fein und hier direkt am Meer auch angenehm temperiert, was man vom indischen Ozean nicht behaupten kann. Der ist nämlich echt, wirklich, ziemlich, und ernsthaft kalt! Wir können hier verschiedene komische kleine Schnecken im Sand betrachten, die hier rumkriechen, sich in den Boden einbuddeln und von jeder Welle aufs neue wieder aus dem Sand herausgespült werden. Seltsam. Außerdem gibt es hier an diesem Strand außer uns, ner Menge zerhackten Bestandteilen von Krebsen (einzelne Scheren, Beine, etc.) und vielen Möwen nicht viel.

Möwen am Strand

Möwen am Strand

Wir laufen durch das Wasser, trauen uns bis etwas über die Knöchel hinein in die Brandung und stellen fest, dass die Wellen eine unerwartet starke Wirkung haben. Und plötzlich verstehen wir, wieso hier auf duzenden Schildern eindringlich davor gewarnt wird, hier schwimmen zu gehen. Es soll hier nur wenige Stellen geben, an denen das Schwimmen unproblematisch ist. Wir laufen weiter, der Sandstrand wird nun immer wieder von scharfkantigen Felsen durchzogen. Wir klettern unbeholfen über die Felsen und betrachten fasziniert die vielen tausenden von Muscheln, die hier überall wachsen.

Felsen, die den Sandstrand durchziehen

Felsen, die den Sandstrand durchziehen

Auf dem weiteren Weg ziehen wir ziemlich bald wieder unsere Schuhe an, denn der Weg bleibt nach wie vor anspruchsvoll. Der Weg läuft kreuz und quer über die scharfkantigen Felsen und fordert uns einiges ab. Nicht unmöglich, aber die Warnhinweise vom Parkplatz haben sich bisher alle als erstaunlich berechtigt erwiesen. Auch von unseren Wasservorräten haben wir inzwischen reichlich Gebrauch gemacht. Aber den Großteil des Weges haben wir inzwischen hinter uns gelassen, und weiter geht es über die Felsen.

"Nelson Cave" und noch mehr Strand

"Nelson Cave" und noch mehr Strand

Wir erreichen nun die “Nelson Cave”, dort finden sich einige sehr frühe Spuren von menschlicher Zivilisation. Sehen kann man davon nicht viel, denn der wirklich spannende Bereich ist abgesperrt und man wird nachdrücklich darum gebeten diesen Bereich zu meiden, um nicht durch Unachtsamkeit diese historische Stätte zu zerstören. Jedenfalls ist es eine Art große Höhle, mit einer sehr großen Öffnung nach vorne hin zum Meer. Es sieht auf jeden Fall, wie der Rest vom Robberg, einfach nur beeindruckend aus.

Wir erreichen erschöpft den Parkplatz und legen erstmal eine kurze Rast ein. Kurz darauf geht es wieder los, der Rest unserer Tour ruft! Vor uns liegen an diesem Tag noch zwei weitere, bestimmt nicht weniger atemberaubende Attraktionen der Garden Route. Wir lenken unser Auto weiter auf der N2 in Richtung Osten und geraten mitten in eine Gruppe Paviane, die grade die Straße überqueren wollen. Ein echt seltsames Erlebnis, wenn mehr als ein duzend Affen versuchen trotz des vorhandenen Verkehrs auf die andere Seite der Straße zu kommen. So fühlt sich also Afrika an… 😉

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Stoppt die Klage von Novartis!

Im Rahmen der Access-Kampagne von Ärzte ohne Grenzen, wird Novartis dazu aufgerufen eine Klage vor dem indischen Obersten Gerichtshof in Neu-Delhi fallen zu lassen. Geklagt wird von Novartis gegen den Abschnitt 3(d) im indischen Patentrecht. Der Anlass dafür ist die versuchte Patentierung von Imatinib (Glivec). Es handelt sich um ein spezielles Medikament gegen Krebs, dass als eines der teuersten überhaupt gilt. Verkauft wird Imatinib in Ländern mit Patentschutz für etwa 2.600 $ pro Patient und Monat, während die Generika in Indien für weniger als 200 $ verkauft werden.

Das indische Patentrecht zeichnet sich dadurch aus, dass geringe Veränderungen oder neue Anwendungsgebiete von seit langem bekannten Wirkstoffen nicht patentiert werden können. Geschützt werden können in Indien nur tatsächlich neue Verfahren oder Wirkstoffe. Bis ins Jahr 2005 gab es in Indien überhaupt keinen Patentschutz für Medikamente, was dazu geführt hat, dass Indien heute einer der bedeutendsten Hersteller von Generika ist. Dadurch wurde Indien zur “Apotheke der Armen”, die heute zahlreiche Gesundheitsprogramme und Organisationen (z.B. auch Ärzte ohne Grenzen) in armen Ländern mit kostengünstigen Medikamenten versorgt.

Diese Besonderheit im indischen Patentrecht liegt in dem angesprochenen Abschnitt 3(d), dieser richtet sich speziell gegen das so genannte “Evergreening” von Patenten. Darunter versteht man die fortlaufende Erneuerung des Patentschutzes, durch geringfügige Veränderungen von Wirkstoffen oder deren Anwendungen. Im Fall von Imatinib wollte Novartis eine kleine Verändung des Wirkstoffes, mit einer leichten Verbesserung der Bioverfügbarkeit patentieren lassen. Diese Art der Verändung ist unter anderem eine übliche Praxis der Pharmaindustrie um das Auslaufen von Patenten zu verhindern.

Im Jahr 2005 musste Indien aufgrund eines internationalen Übereinkommens zu Rechten an geistigem Eigentum, dem so genannte TRIPS-Abkommen, die Patente auf Medikamente zulassen. Doch die Verantwortlichen machten dabei von ihrer Möglichkeit gebrauch, Mechanismen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit in der nationalen Gesetzgebung zu verankern: der Abschnitt 3(d) wurde Teil des Gesetzes. Darum wies das indische Patentamt 2006 eine Patentanmeldung von Novartis für Imatinib zurück.

In der Folge der Rückweisung dieses Patents leitete Novartis eine Reihe von Gerichtsverfahren ein, die sich nicht nur auf die Zurückweisung bezogen, sondern auch die Verfassungsmäßigkeit von Abschnitt 3(d) in Frage stellten. Erfolg hatte Novartis damit nicht, versucht daher nun die Auslegung des Abschnittes zu verändern um zukünftig auch geringfügige Änderungen an Wirkstoffen patentieren zu können. Der Ausgang dieses Verfahrens wird die zukünfigte Versorgung der Welt durch die “Apotheke der Armen” mit Sicherheit maßgebilch bestimmen.

Sollte Novartis Erfolg haben, würde dies zu einer deutlichen Zunahme von Patentierungen von Medikamenten in Indien führen. Damit würde die Verfügbarkeit von kostengünstigen Generika deutlich abnehmen, mit wahrscheinlich katastrophalen Konsequenzen. Novartis sieht das natürlich nicht ganz so drastisch. Der Zugang zu kostengünstigen Medikamenten für Millionen Menschen auf der ganzen Welt, darf nicht aufgrund der Profitgier einzelner Unternehmen blockiert werden. Ich habe deshalb eine Petition gegen die Novartis-Klage bei Avaaz unterschieben und fordere euch alle dazu auf, das auch zu tun!

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