Tagged: Gesundheitssystem

Jeden Tag ein Antrag: PA614 – Whistleblowing im Gesundheitswesen (Tag 7)

Jeden Tag ein Antrag, heute: PA-614 – Rechtliche Absicherung von Whistleblowing im Gesundheitswesen. (Grundsatzprogramm)

Worum gehts?

Das ist sehr schnell erklärt, der Antrag enthält nämlich nur einen Satz: In diesem wird gefordert Whistleblowing als Instrument zur Qualitätssicherung im Gesundheitswesen rechtlich zu verankern, bzw. abzusichern.

Was spricht dafür?

Wenn ich ehrlich bin… eigentlich nichts.

Also die grundsätzliche Idee Whistleblowing im Gesundheitswesen durch entsprechende Rahmenbedingungen zu fördern ist ehrenwert, aber nicht in der Form dieses Antrags.

Was spricht dagegen?

Obwohl ich es prinzipiell begrüße, wenn ein Antrag nicht länger als nötig ist, lässt sich ein Sachverhalt einfach nicht in nur einem Satz sinnvoll festhalten. So auch in diesem Fall: Es ist mir einfach zu wenig, wenn man nur eine rechtliche Verankerung bzw. Absicherung fordert. Eine konkrete Vorgehensweise wäre nicht nötig gewesen, aber zumindest mal eine grobe Vision, wie die Umsetzung dieses Antrags aussehen könnte.

Das gilt übrigens auch und ganz besonders für die Begründung, die bei diesem Antrag sogar noch kürzer (!) ist als der Antrag. Das ist für mich ein ganz klares K.O. Kriterium für diesen Antrag: Kein Antrag der Welt kann nur mit einem einzelnen Satz begründet werden, der noch dazu einfach nur eine These ohne eine einzige Quelle, Verweise, oder überhaupt Fakten in den Raum wirft. Ganz zu schweigen davon, dass ich diese These auch für inhaltlich falsch halte, denn bei der Verbesserung des Gesundheitswesens gibt es definitiv viele wesentlich wichtigere Aspekte, als das Whistleblowing abzusichern. Und somit halte ich den Antrag für handwerklich sehr schlecht umgesetzt.

Und abgesehen davon: Whistleblowing ist in meinen Augen einfach kein Instrument der Qualitätssicherung, sondern es geht um das Aufdecken bzw. Aufzeigen von Misständen und Gefahren, wobei es nicht das primäre Ziel ist, die Qualität zu erhalten.

Fazit?

Dagegen! Der Antrag ist einfach schlecht, aus den oben genannten Gründen. Ich empfehle den Antragstellern dringend, als Anregung einen Blick in den Abschnitt “Whistleblowing des Wahlprogramms der PIRATEN NRW zur LTW 2012.

More

Flüssiges zur Arzneimittelpreisverordnung

Zukünftig möchte ich hier im Blog, interessante Themen und Initiativen aus dem Liquid Feedback der Piratenpartei aufgreifen, kommentieren und mit anderen diskutieren. Darum eröffne ich mit diesem Beitrag eine neue Kategorie, mit dem unglaublich kreativen Motto “Liquidwatch”. Jaja, ich weis… 😉

Zur Zeit wird im Liquid Feedback der Piratenpartei ein Thema zur “Arzneimittelpreisverordnung” abgestimmt. Ursprünglich gab es innerhalb des Themas zwei alternative Initiativen, von denen jedoch nur eine das erforderliche Quorum an Unterstützern geschafft hat.

Worum geht es?

Stein des Anstoßes ist die so genannte Arzneimittelpreisverordnung, sie schreibt insbesondere die Preisbildung von rezeptpflichtigen Medikamenten vor. Und das geht so: Für die verschiedenen Beteiligten in der logistischen Kette vom Produzenten bis zum Patienten, wird in der Verordnung festgelegt, wie groß der maximalen Zuschlag auf den vorher feststehenden Preis der Arzneimittels sein darf.

Für verschreibungspflichtige Arzneimittel kann es praktisch keinen fairen Wettbewerb geben, deshalb regelt die Arzneimittelverordnung die Preisbildung. Als Ausgangspunkt wird der vom Produzenten festgelegte Verkaufspreis genommen. Großhandel und Apotheken erheben darauf staatlich festgesetzte Zuschläge (und Mehrwertsteuer), dazu kommt dann noch für die Apotheken ein Dienstleistungshonorar von 8,10€ pro Packung. Im Direkteinkauf durch die Apotheken sind dagegen Spannen zwischen 16 und 100% Aufschlag zulässig. Außerdem erhalten die gesetzlichen Krankenversicherungen von den Apotheken einen Großkundenrabatt. Dieser besteht aus einem preisunabhgängigen Zuschlag von 70 Cent pro Packung, zuzüglich einem preisabhängigen Zuschlag von 3,15% auf den Abgabepreis der pharmazeutischen Industrie.

Damit aber noch nicht genug, die gesetzlichen Krankenversicherungen können zusätzliche Rabattverträge mit der pharmazeutischen Industrie aushandeln, wodurch dann festgelegt wird von welchem Hersteller ein Kunde in der Apotheke sein Arzneimitel erhalten darf. Das alles wird mit viel Magie in den Kassensystemen der Apotheken miteinander verrechnet und am Ende kommt vor allem eins raus: Verwirrung. Stimmts?

Die Initiativen

Erstens: Aufhebung der Arzneimittelpreisverordnung

Es gab zu diesem Thema zwei Initiativen, die eine davon forderte die Aufhebung der Arzneimittelpreisverordnung. Dadurch solle der Preiswettbewerb in dieser lukrativen Sparte des Handels eröffnet werden, dadurch – so die Annahme – würden die Preise fallen, die Kunden könnten sich frei den günstigsten Anbieter suchen und die Krankenkassen dadurch finanziell entlastet werden. Außerdem sollten überhaupt nur noch «nachweislich wirksame» Medikamente von den Krankenkassen erstattet werden müssen.

Und alle Apotheken könnten so selbst um die Preise der Arzneimittel verhandeln, weshalb der finanzielle Druck für günstige Preise auf die pharmazeutische Industrie erhöht werden könnten. Das dies ein ungleicher Kampf ist, in dem viele Apotheken nur verlieren können ist dem Ersteller dieser Initiative nicht nur bewusst, sondern er ist erwünscht: Man bräuchte schlicht und einfach im Zeitalter von Lieferdiensten und Internetapotheken nicht mehr «an jeder Ecke» eine Apotheke. Entsprechend würde dieser Einwand gegen diese Veränderung als «Todschlagargument» nicht akzeptiert werden.

Zweitens: Arzneimittelpreisverordnung beibehalten& Rabattverträge verbieten

Die zweite Initiative stellt die Vorzüge der Arzneimittelpreisverordnung in den Vordergrund, sorge sie doch für flächendeckend einheitliche Preise für Medikamente – und gesicherte Gewinnmargen für Apotheken. Der Wettbewerb zwischen Apotheken würde zum Wettkampf um die Gesundheit der Patienten, Stichwort: Gesundheit als Ware. Außerdem sei eine räumliche Nähe zu Apotheken auch in den heutigen Zeiten wichtig, denn «viele ältere Menschen nutzen Aufgrund von Misstrauen und Nichtwissen [die] Online-Angebote nicht».

Das eigentliche Problem liege laut dieser Initiative nicht in den Apotheken, sondern in den intransparenten Rabattverträgen der gesetzlichen Krankenversicherungen mit der pharmazeutischen Industrie. Dadurch würden die Apotheker von den Krankenkassen dazu gezwungen bestimmte Arzneimittel mit ohnehin niedrigem Preis, zu noch günstigeren Konditionen, zu verkaufen – wobei sich die Gewinnmargen natürlich beachtlich verringern. Außerdem würden die Krankenkassen so über das Recht verfügen, zu Prüfen, ob auch die “richtigen” Tabletten (also vom richtigen Hersteller) verkauft wurden und gegebenenfalls Rückzahlungen von den Apotheken zu fordern.

Außerdem wäre die Sicherheit der Patienten gefährdet, vielen würden Generika nicht vertrauen oder die aufgrund eines geänderten Rabattvertrags die neuen Medikamente falsch dosieren.

Meine Meinung

Ich bin mir sicher, dass es bei (verschreibungspflichtigen) Arzneimitteln grundsätzlich keinen fairen Wettbewerb geben kann. Darum bin ich ehrlich gesagt froh darüber, dass die erste Initiative am 10% Quorum gescheitert ist. Denn der Ursprung für die hohen Kosten für Arzneimittel im deutschen Gesundheitssystem liegt nicht in den Apotheken. Die Art und Weise wie die pharmazeutische Industrie Preise festlegen kann ist das zugrunde liegende Übel und muss vom Gesetzgeber neu geregelt werden.

Als einen sinnvollen ersten Schritt auf diesem Weg sehe ich die in der zweiten Initiative geforderte Abschaffung der Rabattverträge. Darum habe ich diese Initiative mit meiner Stimme unterstützt und fordere euch dazu auf, es mir gleich zu tun! Dadurch wird zwar nicht das eigentliche Problem gelöst, aber es wird etwas an Komplexität aus diesem beinahe undurchschaubaren Dickicht hinaus genommen. Außerdem würde so der Druck auf die gesetzlichen Krankenversicherungen und die Hersteller von Generika erhöht, sich auch für andere Lösungen dieses Problems, jenseits von Rabattverträgen zu, interessieren.

Einen Schritt weiterdenken

In der zweiten Initiative wird angeregt, dass der angestrebte Wettbewerb zur Verringerung der Preise besser auf die Ebene der pharmazeutischen Industrie gebracht werde sollte. Die Maßnahme der Wahl dafür wäre die Abschaffung von Patenten auf Arzneimittel, ein Thema das schon einige Male im Umfeld der Piratenpartei diskutiert worden ist. Offensichtlich ist es nach wie vor ein wichtiges Thema und sollte dringend fester Bestandteil der Agenda werden.

More