In letzter Zeit wurde viel über die vielfältigen Probleme berichtet, vor denen Hebammen in Deutschland stehen. Nicht zuletzt wurde in diesem Rahmen auch immer wieder davor gewarnt, dass “Hausgeburten” zukünftig kaum noch möglich sein werden. Damit würde die Geburt vollends zu einem “medizinischen” Vorgang werden, der praktisch nur noch in Krankenhäusern stattfindet.

Ehrlich gesagt hatte ich damit lange Zeit kein großes Problem, denn in meinem Studium habe ich vieles über die vielfältigen Gefahren im Rahmen einer Geburt gelernt. Ausgestattet mit diesem Wissen kam es mir zeitweise sogar fahrlässig vor ein Kind außerhalb eines Krankenhauses zu bekommen. Schließlich gibt es dort im “Falle eines Falles” quasi keine medizinische Ausstattung um mit einem Notfall adäquat umgehen zu können.

Aber ist das wirklich so? Rein aus Neugier habe ich mich mal zu dem Thema schlau gemacht…

Hausgeburten als Seltenheit

Zunächst einmal sind Hausgeburten in praktisch allen (westlichen) Industrienationen die absolute Ausnahme, mit einem Anteil von im Durchschnitt unter 1% aller Geburten. Wobei dieser Anteil interessanterweise seit wenigen Jahren wieder leicht ansteigt – vor allem bei weißen nicht-hispanischen Frauen. Anders rum gesagt: Etwa eine von 140 Geburten in den USA ist eine Hausgeburt. Aber während es noch vergleichsweise einfach ist, Zahlen zur Demographie oder zur Motivation hinter Hausgeburten zu finden, wird es bei statistischen Auswertungen insgesamt schwieriger. (Hervorheben muss ich hier ganz kurz die Niederlande, denn dort machen Hausgeburten einen Anteil von 23% aller Geburten aus.)

Statistische Daten

Die größten Studie in den USA und Canada bezog 5418 schwangere Frauen ein, wobei solche mit “Risikoschwangerschaften” von vorne herein ausgeschlossen waren. Diese Frauen wurden hinsichtlich mehrerer Merkmale mit einer Kontrollgruppe von Frauen, die ihr Kind in einem Krankenhaus geboren hatten verglichen. Stellt sich raus: Die Häufigkeit an medizinischen Interventionen (Kaiserschnitt, Epiduralanästhesie, etc.) bei Hausgeburten war nur halb so so hoch, wie die der Kontrollgruppe im Krankenhaus. Nur 12% aller Hausgeburten endeten im Krankenhaus, wobei hierbei der Großteil (83%) der werden Mütter noch vor der eigentlichen Geburt ins Krankenhaus transferiert wurde. Dies geschah in der Regel aufgrund von Erschöpfung der Mutter, “Geburtsstillstand“, oder zur Schmerztherapie. Hinsichtlich der Sterblichkeit von Müttern und Kindern konnte zwischen Hausgeburten und Kontrollgruppe kein Unterschied nachgewiesen werden.

Kritisieren muss man an dieser Studie allerdings die Vergleichbarkeit mit der Kontrollgruppe, da zur Hausgeburt neigende Mütter statistisch nicht nur gesünder, und gebildeter waren als eine durchschnittliche schwangere Frau, sondern medizinischen Interventionen insgesamt ablehnender gegenüber standen.

Auch die ebenfalls relativ große Studie “Birthplace in England” bezog insgesamt 64,538 Frauen ein, in den Ergebnissen zeigten sich – bezogen auf Schwangerschaften mit niedrigem Risiko – kaum Unterschiede zwischen Geburten im Krankenhaus oder anderen Orten. Hinsichtlich Todesfällen von Müttern bzw. Kindern, oder Komplikationen lies sich kein Unterschied nachweisen. Deutlichste nachgewiesene Differenz war, dass es bei Geburten außerhalb des Krankenhauses wesentlich weniger medizinische Interventionen gab.  Zwei Aspekte sind noch bemerkenswert: Erstens wurden Erstgebärende in dieser Studie deutlich häufiger im Rahmen einer Hausgeburt ins Krankenhaus transferiert (bis zu 45 vs. 13%). Zweitens lagen die durchschnittlichen Gesamtkosten für Hausgeburten deutlich unter denen von Geburten im Krankenhaus.

Übrigens: Auch in diversen anderen retrospektiven Studien konnte nicht nachgewiesen werden, dass es bei Hausgeburten mehr Komplikationen, oder schlechtere Ergebnisse gab. Allerdings wurde mehrfach nachgewiesen, dass es bei Hausgeburten eine zwei bis dreifach erhöhtes Risiko Wahrscheinlichkeit für einen Tod des Kindes innerhalb der ersten Woche nach der Geburt gab. (Das Odds-Ratio hierfür lag bei Hausgeburten bei 2.87 im Vergleich zu 1.98 bei Geburten im Krankenhaus.)

Update: Ich wurde gefragt, ob dieses zwei bis dreifach erhöhte Risiko nicht ein Problem sei. Der Punkt ist hierbei, dass es um ein erhöhtes Odds-Ratio und damit um eine Wahrscheinlichkeit und nicht um das Risiko an sich geht. Schaut man sich die genauen Zahlen an, dann sterben bei Hausgeburten 0,57 von 1000 Kindern in den ersten 7 Tagen nach der Geburt, während dies bei im Krankenhaus geborenen 0,35 Kinder pro 1000 Geburten sind. Weil es sich um ein sehr kleines tatsächliches Risiko handelt, wird dies wird in der Fachwelt, nicht als spezielles Problem – oder gar einen Grund gegen Hausgeburten – betrachtet.

Welche Schwangerschaft eignet sich für eine Hausgeburt?

Wenn man sich die Empfehlungen anschaut, welche Schwangerschaften als für die Hausgeburt geeignet gelten, dann sind das:

  • “Einzelkinder” (also keine Mehrlingsschwangerschaften), die sich während der Schwangerschaft regelrecht entwickelt haben,
  • das Fehlen von (schwerwiegenden) Erkrankungen der Mutter, oder des Kindes,
  • das Fehlen von Kontraindikationen gegen eine vaginale Entbindung (z.B. Größe oder Lage des Kindes),
  • alle Schwangerschaften, die von (gut ausgebildeten) Hebammen begleitet werden.

Empfohlen wird außerdem, dass bei Hausgeburten das nächstgelegene Krankenhaus mit einer Geburtshilfe nicht weiter als 15 Minuten entfernt liegen und mit der Hebamme in Kooperation stehen sollte. Außerdem sollte bereits vorab eindeutig geklärt sein, wie ein Transport ins Krankenhaus ablaufen soll und welche Umstände hierzu führen würden.

Also was nun?

Sofern es sich bei einer Schwangerschaft nicht um eine Risikoschwangerschaft handelt und sie die oben genannten Kriterien für eine Hausgeburt erfüllt, dann gibt es statistisch gesehen kein erhöhtes Risiko gegenüber Geburten im Krankenhaus. Gleichzeitig gehen Hausgeburten mit wesentlich weniger medizinischen Interventionen einher.

Was ehrlich gesagt ein Ergebnis ist, mit dem ich so nicht gerechnet habe. Und noch ein Grund mehr, sich für den Erhalt der freiberuflichen Hebammen einzusetzen.

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