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Faszination Notaufnahme

Ich mag das Arbeiten in der Notaufnahme. Die letzten drei Monate meiner Ausbildung habe ich dort verbracht und werde nicht nur ein bisschen wehmütig an diese Zeit zurückdenken. Aber warum gefällt es mir dort so sehr?

Natürlich ist es nicht ein einzelner Grund, sondern eine Melange aus verschiedenen Gründen. Was aber ganz sicher nicht dazu gehört ist die so genannte “Blaulichtgeilheit”. Nachfolgend habe ich einmal versucht ein paar meiner Gedanken auszuformulieren.

Was mich fasziniert ist, dass prinzipiell jeder Mensch jederzeit zu einem “meiner” Patienten werden könne. Es ist völlig egal welches Geschlecht, Alter, Beruf oder Vorgeschichte ein Patient mitbringt. Praktisch niemand ist darauf vorbereitet und es handelt sich immer um eine Ausnahmesituation.

Aber jeder Mensch ist einzigartig, jeder Mensch muss individuell behandelt werden. Dabei weiß man eigentlich kaum etwas über seine Patienten und muss sich auf das Wesentliche fokussieren. Trotzdem trifft man ständig wichtige Entscheidungen und steht immer unter Zeitdruck und Zugzwang. Patienten und Angehörige haben Beschwerden und wollen wissen was los ist, nein eigentlich wollten sie sogar die Lösung herausgefunden haben. Zumindest muss ich möglichst bald ein Konzept präsentieren, wie es mit den Beschwerden und deren Abklärung bzw. Behandlung weitergehen soll.

In der Regel verbringt man immer nur wenige Minuten unmittelbar mit den Patienten und muss sich dann dem nächsten zuwenden. Gleichzeitig muss man viele Informationen in seinem Kopf behalten und zusammenführen. Vor allem aber muss man sich innerhalb von wenigen Schritten frei machen von den Gedanken an den letzten Patienten, um sich auf einen neuen Menschen einstellen zu können.

An einem normalen Arbeitstag tauche ich in tief die Leben von mehr als 30 Menschen ein und erfahre teilweise intime Informationen, von völlig fremden Menschen die sich mir anvertrauen, in der Erwartung Hilfe zu erhalten. Ich erfahre was Menschen tun oder welche Schicksale sie hatten, wie sie leben, was sie beruflich oder privat tun, erlebe Familiendramen, Leid aber auch Erleichterung, Freude und Liebe. Ehrlich gesagt betrachte ich dies sogar als ein Privileg, welches vieles von den Entbehrungen dieses Arbeitsplatzes aufwiegt.

Außerdem weiß ich niemals was passieren wird. Jeder Tag ist anders, jeder Tag bringt neue Herausforderungen mit sich und jeden Tag lerne ich etwas neues. Was völlig harmlos beginnt kann schrecklich enden und was dramatisch aussieht, ist oftmals gar nicht so wild. Natürlich ist das meiste Routine, aber in den seltensten Fällen gibt es lange Vorwarnzeiten bevor etwas passiert. Und wenn etwas passiert, dann kann es von jetzt auf gleich um alles oder nichts gehen. Dann ist keine Zeit zum diskutieren, sondern es geht nur noch ums handeln. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich immer wieder von der Vorstellung erschlagen, welch gigantischen Einfluss mein Handeln auf das Leben eines Menschen haben kann.

Am Ende des Tages habe ich keine Krankheiten verwaltet, sondern ich habe anderen Menschen in akuten Situationen beigestanden und wenn es gut läuft sogar das ein oder andere Problem gefunden und behoben. Ich konnte Menschen erklären was mit ihrem Körper passiert ist, was sie als nächstes tun sollen und was noch auf sie zukommt. Und selbst wenn es oft ganz banale Informationen sind die ich vermittle, so helfen sie anderen Menschen enorm dabei mit ihren jeweiligen Erkrankungen umgehen zu können.

Ich kann ganz klar sagen, was ich geleistet habe.

Und ich kann mir kaum eine andere Tätigkeit vorstellen, welche diese Eigenschaften in ähnlicher Weise vereint.

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Wie ich einmal selbst zum Patienten wurde

Es ist früh morgens und ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Meine Gedanken beschäftigen sich vor allem mit dem Vortrag, den ich im Rahmen der internen Fortbildung halten werde. Mit dabei natürlich die üblichen seltsamen Sorgen, die man sich vor Vorträgen macht und die üblichen Gedanken, die man sich noch als junger und unerfahrener Assistenzarzt jeden Tag hat. Den Weg zum Krankenhaus kenne ich inzwischen auswendig und darum wundert es mich auch nicht, als die Ampel auf der Bundesstraße vor mir rot wird.

Ich bremse und mein Auto kommt ohne Probleme vor der Ampel zum stehen. Ein paar Sekunden vergehen, dann schaue ich gelangweilt in den Rückspiegel und sehe einen gelben Kastenwagen schnell näher kommen. Aber das beunruhigt mich nicht, manche Menschen bremsen halt erschreckend spät. Nur Sekunden später wird mir klar “Scheiße, der fährt dir drauf!” und ich spüre einen heftigen Schlag als der gelbe Kastenwagen hinten in mein Auto fährt.

Als ich kurz darauf wieder meine Sinne beisammen habe, steht mein Auto entgegen der Fahrtrichtung etliche Meter weiter am anderen Ende der Kreuzung. Meine Ohren fiepen, mein Kopf schmerzt, im Armaturenbrett leuchten gefühlt alle Lampen und es riecht komisch. Ich versuche ganz instinktiv das Auto schnellstmöglich zu verlassen, was mir erst über die nur leicht verklemmte Beifahrertür gelingt. Zum Glück sind schnell mehrere Ersthelfer vor Ort und kümmern sich um mich und den Fahrer des gelben Kastenwagens, der jetzt ziemlich genau dort steht wo vor Minuten noch mein Auto an der roten Ampel wartete.

Bevor sich der Rettungsdienst meiner annimmt – schließlich läuft Blut aus einer Platzwunde mein Gesicht herunter – mache ich natürlich erst noch Fotos vom Auto, die ich über bekannte Messengerdienste meiner Familie schicke. Erst als ich mit Stifneck in der Vakuummatratze im RTW liege und anfange die Schmerzen in meinem Rücken zu merken, wird mir ganz langsam klar, was gerade überhaupt passiert ist.

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Das ist nun zwei Wochen her, und eigentlich kann ich mein Glück immer noch nicht fassen. Außer einer Gehirnerschütterung, einer Platzwunde und diversen Prellungen ist mir nichts ernsthaftes passiert. Und das obwohl der gelbe Kastenwagen mit vermutlich über 80 km/h auf mein stehendes Auto aufgefahren ist. Dessen Reste zeugen deutlich von der Wucht dieses Unfalls: Der Kofferraum existiert nicht mehr, die Karrosserie ist total verzogen und wölbt sich im hinteren Teil deutlich nach außen, die Rückbank steckt quasi in den Vordersitzen, etc…

Im Rahmen dieses Unfalls kam ich in den Genuss mein eigenes Berufsbild nun einmal aus der Perspektive des Patienten zu erleben. Angefangen bei der Erstversorgung vor Ort im RTW, über der übliche Procedere im Schockraum bis hin zum Alltag auf der Station. Und ich habe dabei tatsächlich einiges für meine zukünftige Arbeit gelernt (z.B. wie albern so eine Chefarztvisite aus dem Bett eines Patienten aussieht), mehr dazu gibt es demnächst hier im Blog. Ganz besonders freue ich mich im Nachhinein, das schnell viele Ersthelfer ihre Hilfe angeboten haben. Sogar so viele, dass eigentlich gar nicht genügend “Arbeit” für alle vorhanden war.

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Auch heute noch fällt es mir schwer die ganze Tragweite dieser Ereignisse zu begreifen, insbesondere wie unfassbar viel Glück ich gehabt habe. Natürlich nerven mich insbesondere die diversen Prellungen, von denen einige nach wie vor sehr schmerzhaft sind und die Narbe in meinem Gesicht erfreut mich auch nicht gerade. Aber ich habe diesen heftigen Unfall weitgehend unbeschadet überstanden, was keine Selbstverständlichkeit ist.

Natürlich habe ich inzwischen auch viel Zeit mit Nachdenken verbracht, aber ich kann noch nicht sagen, welche Konsequenzen sich für mein Leben und mich daraus ergeben werden. Einige Dinge fühlen sich nun sehr relativ an, manches sogar beinahe unwichtig, aber das wird sich vermutlich im Laufe der nächsten Zeit und der zunehmenden Verarbeitung dieses Unfalls noch verändern.

Erstmal bin ich einfach nur dankbar. Zunächst ganz generell den glücklichen Umständen, dann den erstaunlich vielen Ersthelfern, den ganzen professionellen Menschen vom Rettungsdienst, im Krankenhaus und bei meinem Hausarzt. Und natürlich auch meiner Familie und den ganzen lieben Menschen die mich seitdem unterstützt haben.

Danke für alles.

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Ich bin dann mal Chirurg

Endlich ist es soweit: Meine lange und zeitweise sehr frustrierende Stellensuche hat ein Ende gefunden. Seit gestern bin ich tätig als Assistenzarzt für Unfallchirurgie/ Orthopädie in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung.

Das bedeutet natürlich einen größeren Umbruch in meinem Leben und der Sprung von Student zu Arzt fühlt sich sehr seltsam und vor allem wie einer ins eiskalte Wasser an. Aber ich fühle mich an meiner Arbeitsstelle bisher sehr wohl und blicke optimistisch in die Zukunft. Sobald ich über das Gewöhnen an den Arbeitsalltag im Krankenhaus hinaus bin (und nicht sofort einschlafe sobald ich Zuhause bin) werde ich euch hier auf meinem Blog von meinen Erfahrungen berichten.

Und bis dahin wird es hier vermutlich noch eine Weile lang relativ ruhig bleiben. Aber ich bin mir sicher, dass ihr dafür Verständnis haben werdet… 😉

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Wohin des Weges lieber Marburger Bund?

In seiner Mitgliederzeitung vom 25. Januar berichtet der Marburger Bund unter dem Titel “Erster Schlagabtausch…” von der ersten Verhandlungsrunde für die Ärzte mit TV-Ärzte/ VKA. Im zweiten Absatz wird der Verhandlungsführer Rolf Lübke wie folgt zitiert:

“Wir haben den Arbeitgebern deutlich gemacht, dass wir substanzielle Verbesserungen bei den Gehältern und Arbeitszeitregelungen erwarten, ohne die ein Kompromiss nicht vorstellbar ist.”

Nun ist es ein alter Hut, dass die Ärzt*innen grundsätzlich immer mehr Geld haben wollen und langsam sieht sich kaum ein Mensch noch in der Lage, die immer neuen Gehaltsforderungen einfach so zu akzeptieren. Übrigens auch ich als junger Arzt nicht, vor allem weil ich die Arbeitsbedingungen und -zeiten für das viel größere Problem, als meinen Kontostand halte. Die folgenden Forderungen des Marburger Bundes in dieser Verhandlungsrunde offenbaren meiner Meinung nach das enorme Problem, vor allem auch auf Seiten der Gewerkschaft:

[…] – praxisgerechte Bereinigung der Voraussetzungen zur Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeit durch: (1) Einbindung des Betriebsarztes bei der Einführung von Arbeitszeitmodellen, welche die Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeit vorsehen (Sicherstellung des Gesundheitsschutzes); (2) Regelung der Überschreitung der täglichen Höchstarbeitszeitgrenze für alle Bereitschaftsdienststufen einheitlich und direkt im Tarifvertrag; […] (4) Sicherstellung, dass innerhalb eines 24-Stunden-Bereitschaftsdienstes an Wochenenden und Feiertagen nicht mehr als 49 Prozent Arbeitsleistung anfallen; (5) Reduzierung der wöchentlichen Höchstarbeitszeitgrenze; (6) Erhöhung des Tabellenentgelds um 400 Euro monatlich für die individuell zu erklärende Bereitschaft zur Überschreitung der 48-Stunden-Grenze (Opt-Out); […]

Um es kurz zusammenzufassen: Die Gewerkschaft der Ärzt*innen setzt sich nicht dafür ein, dass die tägliche Höchstarbeitszeit nicht mehr überschritten werden darf. Wieso auch, das ist vermutlich nur ein plakativer Titel… Sondern dafür, dass diese Situation in den Tarifverträgen geregelt wird und eine entsprechende Entlohnung stattfindet. Im weiteren Text wird noch erklärt, dass dies vor allem auch dazu dienen soll es den Arbeitgebern unattraktiv zu machen Routinetätigkeiten in den Bereitschaftsdienst zu verlagern, weil dies so unwirtschaftlicher werden würde. Das halte ich zwar grundsätzlich für richtig, bin aber trotzdem ziemlich erstaunt darüber… Denn es handelt sich ganz offenkundig um keine Regelung für Ausnahmefälle, sondern um eine “praxisgerechte Bereinigung der Voraussetzungen”, was heißt: Dieser in meinen Augen untragbare Zustand wird von der Gewerkschaft grundsätzlich akzeptiert.

Es scheint den Verhandlungsführern wichtiger zu sein finanzielle Aspekte zu regeln, als dafür Sorge zu Tragen, dass ganz simple arbeitsrechtliche Dinge wie z.B. die tägliche Höchstarbeitszeit nicht regelhaft überschritten werden. Ich kann das langsam echt nicht mehr Verstehen, was nützt mir alles Geld der Welt wenn ich immer wieder meine Arbeitszeit um ein vielfaches überschreite und die entsprechende Mehrbelastung ertragen muss?

Es wird meiner Meinung nach dringend Zeit, dass der Marburger Bund seinen Fokus weg vom Geld, hin zu den eigentlichen Arbeitsbedingungen verschiebt.

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Mehrklassenmedizin, mal anders?

Frau Müller, 82 Jahre, die Mutter von Dr. Meier aus der Inneren, ist hier stationär wegen […]” und dann ging es weiter im normalen Text. Die zentrale Botschaft war bei allen Beteiligten angekommen, viel wichtiger als die Erkrankung der Patientin war ihre Zugehörigkeit. Denn es gibt einen erlesenen Zirkel, zu dem nur gezählt wird wer Angehöriger oder guter Freund von Mitarbeitern eines Krankenhauses ist. Es handelt sich dabei um eine besondere Form der Mehrklassenmedizin, die alleine auf persönlicher Bekanntschaft beruht. Die Frage ist: kann das etwa verwerflich sein?

Nein. Erstmal ist das natürlich nicht verwerflich, denn im Grunde ziehen die allermeisten Leute irgendwie einen persönlichen Vorteil aus ihrem Arbeitsverhältnis: Günstigere Konditionen, kürzere Warte- und schnellere Bearbeitungszeiten, die Möglichkeiten sind förmlich unendlich. Im Fall der Medizin ist dies in der Regel die implizite (gelegentlich auch explizite) Forderung einer Sonderbehandlung der Patienten dieses Zirkels. Alles muss top sein, es dürfen keine Fehler passieren, die Mitarbeiter sollen daher möglichst sorgsam und ordentlich arbeiten, der Datenschutz und die Intimsphäre des Patienten sollen besonders berücksichtigt werden… Klingt gut, oder?

Aber ich frage mich in solchen Situationen: Sollte Muss das nicht immer so sein? Wie z.B. auch ein Piloten tragen die Mitarbeiter im Krankenhaus eine große Verantwortung, für die Gesundheit ihrer Patienten. Daher müssen immer große Ansprüche an die Versorgung von Patienten gestellt werden. Und dabei ganz besonders auch an die körperliche Unversehrtheit, die Wahrung der Intimsphäre und den Datenschutz. Unversehrtheit meint in diesem Zusammenhang übrigens eher die aktive Vermeidung von Fehlern und das sorgsame, ordentliche Arbeiten – krank, oder verletzt sind die Patienten ohnehin schon.

Wenn eine bestimmte Gruppe herausgestellt wird, bei der alles “besser” laufen soll, als sonst. Gesteht man sich dann nicht ein, das die “normale” Behandlung nicht gut genug ist? Was für einen beliebigen Menschen ausreicht, ist offensichtlich für meine Angehörigen lange nicht genug. Ich empfinde das als einen sehr unbefriedigenden Zustand und bemühe mich immer darum, alle Patienten so gut es mir möglich ist zu betreuen. Und irgendwie erscheinen mir solche Äußerungen dann als Dolchstoß… Wie seht Ihr das?

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