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Mehrklassenmedizin, mal anders?

Frau Müller, 82 Jahre, die Mutter von Dr. Meier aus der Inneren, ist hier stationär wegen […]” und dann ging es weiter im normalen Text. Die zentrale Botschaft war bei allen Beteiligten angekommen, viel wichtiger als die Erkrankung der Patientin war ihre Zugehörigkeit. Denn es gibt einen erlesenen Zirkel, zu dem nur gezählt wird wer Angehöriger oder guter Freund von Mitarbeitern eines Krankenhauses ist. Es handelt sich dabei um eine besondere Form der Mehrklassenmedizin, die alleine auf persönlicher Bekanntschaft beruht. Die Frage ist: kann das etwa verwerflich sein?

Nein. Erstmal ist das natürlich nicht verwerflich, denn im Grunde ziehen die allermeisten Leute irgendwie einen persönlichen Vorteil aus ihrem Arbeitsverhältnis: Günstigere Konditionen, kürzere Warte- und schnellere Bearbeitungszeiten, die Möglichkeiten sind förmlich unendlich. Im Fall der Medizin ist dies in der Regel die implizite (gelegentlich auch explizite) Forderung einer Sonderbehandlung der Patienten dieses Zirkels. Alles muss top sein, es dürfen keine Fehler passieren, die Mitarbeiter sollen daher möglichst sorgsam und ordentlich arbeiten, der Datenschutz und die Intimsphäre des Patienten sollen besonders berücksichtigt werden… Klingt gut, oder?

Aber ich frage mich in solchen Situationen: Sollte Muss das nicht immer so sein? Wie z.B. auch ein Piloten tragen die Mitarbeiter im Krankenhaus eine große Verantwortung, für die Gesundheit ihrer Patienten. Daher müssen immer große Ansprüche an die Versorgung von Patienten gestellt werden. Und dabei ganz besonders auch an die körperliche Unversehrtheit, die Wahrung der Intimsphäre und den Datenschutz. Unversehrtheit meint in diesem Zusammenhang übrigens eher die aktive Vermeidung von Fehlern und das sorgsame, ordentliche Arbeiten – krank, oder verletzt sind die Patienten ohnehin schon.

Wenn eine bestimmte Gruppe herausgestellt wird, bei der alles “besser” laufen soll, als sonst. Gesteht man sich dann nicht ein, das die “normale” Behandlung nicht gut genug ist? Was für einen beliebigen Menschen ausreicht, ist offensichtlich für meine Angehörigen lange nicht genug. Ich empfinde das als einen sehr unbefriedigenden Zustand und bemühe mich immer darum, alle Patienten so gut es mir möglich ist zu betreuen. Und irgendwie erscheinen mir solche Äußerungen dann als Dolchstoß… Wie seht Ihr das?

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Stoppt die Klage von Novartis!

Im Rahmen der Access-Kampagne von Ärzte ohne Grenzen, wird Novartis dazu aufgerufen eine Klage vor dem indischen Obersten Gerichtshof in Neu-Delhi fallen zu lassen. Geklagt wird von Novartis gegen den Abschnitt 3(d) im indischen Patentrecht. Der Anlass dafür ist die versuchte Patentierung von Imatinib (Glivec). Es handelt sich um ein spezielles Medikament gegen Krebs, dass als eines der teuersten überhaupt gilt. Verkauft wird Imatinib in Ländern mit Patentschutz für etwa 2.600 $ pro Patient und Monat, während die Generika in Indien für weniger als 200 $ verkauft werden.

Das indische Patentrecht zeichnet sich dadurch aus, dass geringe Veränderungen oder neue Anwendungsgebiete von seit langem bekannten Wirkstoffen nicht patentiert werden können. Geschützt werden können in Indien nur tatsächlich neue Verfahren oder Wirkstoffe. Bis ins Jahr 2005 gab es in Indien überhaupt keinen Patentschutz für Medikamente, was dazu geführt hat, dass Indien heute einer der bedeutendsten Hersteller von Generika ist. Dadurch wurde Indien zur “Apotheke der Armen”, die heute zahlreiche Gesundheitsprogramme und Organisationen (z.B. auch Ärzte ohne Grenzen) in armen Ländern mit kostengünstigen Medikamenten versorgt.

Diese Besonderheit im indischen Patentrecht liegt in dem angesprochenen Abschnitt 3(d), dieser richtet sich speziell gegen das so genannte “Evergreening” von Patenten. Darunter versteht man die fortlaufende Erneuerung des Patentschutzes, durch geringfügige Veränderungen von Wirkstoffen oder deren Anwendungen. Im Fall von Imatinib wollte Novartis eine kleine Verändung des Wirkstoffes, mit einer leichten Verbesserung der Bioverfügbarkeit patentieren lassen. Diese Art der Verändung ist unter anderem eine übliche Praxis der Pharmaindustrie um das Auslaufen von Patenten zu verhindern.

Im Jahr 2005 musste Indien aufgrund eines internationalen Übereinkommens zu Rechten an geistigem Eigentum, dem so genannte TRIPS-Abkommen, die Patente auf Medikamente zulassen. Doch die Verantwortlichen machten dabei von ihrer Möglichkeit gebrauch, Mechanismen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit in der nationalen Gesetzgebung zu verankern: der Abschnitt 3(d) wurde Teil des Gesetzes. Darum wies das indische Patentamt 2006 eine Patentanmeldung von Novartis für Imatinib zurück.

In der Folge der Rückweisung dieses Patents leitete Novartis eine Reihe von Gerichtsverfahren ein, die sich nicht nur auf die Zurückweisung bezogen, sondern auch die Verfassungsmäßigkeit von Abschnitt 3(d) in Frage stellten. Erfolg hatte Novartis damit nicht, versucht daher nun die Auslegung des Abschnittes zu verändern um zukünftig auch geringfügige Änderungen an Wirkstoffen patentieren zu können. Der Ausgang dieses Verfahrens wird die zukünfigte Versorgung der Welt durch die “Apotheke der Armen” mit Sicherheit maßgebilch bestimmen.

Sollte Novartis Erfolg haben, würde dies zu einer deutlichen Zunahme von Patentierungen von Medikamenten in Indien führen. Damit würde die Verfügbarkeit von kostengünstigen Generika deutlich abnehmen, mit wahrscheinlich katastrophalen Konsequenzen. Novartis sieht das natürlich nicht ganz so drastisch. Der Zugang zu kostengünstigen Medikamenten für Millionen Menschen auf der ganzen Welt, darf nicht aufgrund der Profitgier einzelner Unternehmen blockiert werden. Ich habe deshalb eine Petition gegen die Novartis-Klage bei Avaaz unterschieben und fordere euch alle dazu auf, das auch zu tun!

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Schwule dürfen kein Blut spenden. Warum?

Neulich beim Blutspenden bin ich darüber stutzig geworden, dass Schwule alleine aufgrund ihrer sexuellen Orientierung vom Blutspenden ausgeschlossen werden. Warum machen die das und ist das nicht total diskriminierend?

Ehrlich gesagt: Mir geht es genau so. Wenn ich mir die Kriterien für den Ausschluss von der Blutspende ansehe, dann fasse ich mir reflexartig an den Kopf. Aber woher kommt dieses Ausschlusskriterium und wie wird es von den Verantwortlichen begründet?

Die Blutspende in Deutschland als solches wird geregelt durch das Transfusionsgesetz (TFG), dort wird im § 5 “Auswahl der spendenden Personen“, dass die Bundesärztekammer dazu Richtlinien erlassen soll. Diese gibt es in Form der “Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Hämotherapie)“. Im Abschnitt 2.2.1 dieser Richtlinien werden die Kriterien zum dauerhaften Ausschluss von der Blutspende – unter anderem – wie folgt definiert:

„Personen, deren Sexualverhalten oder Lebensumstände ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten, wie HBV, HCV oder HIV bergen.” […] “- Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben (MSM) “

Damit wird jeder Mann, der im Laufe seines Lebens Sexualverkehr mit einem anderen Mann gehabt hat, für sein gesamtes Lebens von der Blutspende ausgeschlossen. Es ist hierbei übrigens völlig egal, was für eine Art von Verkehr (z.B. Oral, oder Anal) praktiziert wurde, ob es im Rahmen einer Beziehung passiert ist, oder ob Verhütung im Spiel war.

Die Verantwortlichen argumentieren damit, dass bei diesem Kriterium das risikoreiche Sexualverhalten und nicht die sexuelle Orientierung im Vordergrund stehen würden. Daher spräche die Richtlinie an dieser Stelle inzwischen nicht mehr von “homo- und bisexuellen Männern“, sondern von „Männern, die Sexualverkehr mit Männern haben (MSM)“. Was allerdings de facto nichts daran ändert, welche Menschen systematisch von der Blutspende ausgeschlossen werden.

Aus den epidemiologischen Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) lässt sich tatsächlich ableiten, dass HIV Neuinfektionen bei MSM im Vergleich zu heterosexuellen Männern signifikant häufiger sind. Damit begründen die Verantwortlichen, dass MSM – gegenüber der Allgemeinbevölkerung – ein erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare Erkrankungen haben. Deshalb werten sie den Sex zwischen Männern als Risikofaktor für die Blutspende.

Jede Blutspende muss laut § 5 (3) des Transfusionsgesetz Tests auf HIV, sowie Hepatitis B und C untersucht werden. Dazu werden verschiedene Tests mit sehr hoher Sensitivität eingesetzt, die in der Lage sind auch geringe Virusmengen festzustellen. Allerdings liefern diese Tests erst ab einer gewissen Anzahl von Viren im Blut ein zuverlässiges Ergebnis. Insbesondere bei HIV gibt es eine so genannte Fensterphase, in der die Infektion noch nicht sicher festgestellt werden kann. Diese Zeitspanne beträgt bis zu mehreren Wochen, eine Zeit in der eine HIV-positive Blutspende möglicherweise nicht entdeckt würde.

Zur Frage nach dem tatsächlichen Risiko, gibt es eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen. Alle kommen zu dem Schluss, dass die Zulassung von MSMs zur Blutspende zur Steigerung von HIV-positiven Blutspenden kommen würde. Damit würde das Risiko, sich als Empfänger einer Bluttransfusion mit HIV anzustecken, zunehmen. Wahrscheinlich wäre es keine große Steigerung, aber vorhanden wäre sie. Über das genaue Ausmaß streiten sich die Beteiligten noch, für die Verantwortlichen steht jedoch fest: Kein unnötiges Risiko eingehen, weswegen MSMs auch weiterhin kein Blut spenden dürfen.

Ob man dies nun als diskriminierend wertet, oder eben nicht, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Zumindest aber sollten die Art des Sexualverkehrs, sowie der Beziehungsstatus und die An- oder Abwesenheit von Verhütung eine Rolle für diesen Ausschuss spielen. Dann würde es vielen Menschen bestimmt leichter fallen, nicht gleich an Diskriminierung zu denken.

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Wir brauchen Open Access. Jetzt!

Also ich bin ja der Auffassung erlegen, dass es eine natürliche Begeisterung von Menschen für freie Sachen gibt: freie Software, Freibier und natürlich freies Wissen. Ich bin mir sicher, dass sich nicht zuletzt deshalb viele tausende Interessierte an Projekten wie der Wikipedia aktiv beteiligen – und viele Millionen zumindest passive Leser sind. Leider ist nicht das ganze Wissen der Menschheit frei, eher im Gegenteil: In der Regel ist es kaum möglich wissenschaftliche Arbeiten frei zu erhalten, da sie nur in Fachzeitschriften veröffentlicht werden, die ziemlich rigide mit den Verwertungsrechten umgehen.

Abhilfe schaffen will die eine Bewegung, die sich Open Access auf die Fahnen geschrieben hat. Die zentrale Forderung ist dabei der freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur für Jedermann, am besten unter freien Lizenzen. Es klingt nach einer legitimen Forderung, doch leider ist der öffentliche Druck auf den wissenschaftlichen Betrieb und die großen Magazine immer noch viel zu gering – das muss sich ändern! Hier folgt nun ein kleines Beispiel, warum sich das meiner Meinung nach dringend ändern muss:

Schon mal vom Chordom gehört? Wahrscheinlich nicht, aber das ist auch kein Problem. Es handelt sich dabei um einen vergleichsweise seltenen Knochentumor, der die Wirbelsäule betrifft. Auf eine Millionen Menschen gesehen erkrankt pro Jahr grade einmal ein Einziger an dieser zwar bösartigen, aber langsam fortschreitenden Erkrankung. Therapieren kann man den Tumor zwar mittels Operationen und Bestrahlungen, aber aufgrund seiner Lage ist dies sehr risikoreich und mit erheblichen Nebenwirkungen behaftet. Chemotherapien befinden sich derzeit erst in der Erprobung, insgesamt liegt das durchschnittliche Überleben der der Patienten heute bei “nur” 7 Jahren.

Im Jahr 2006 wurde bei Josh Sommer, einem 23 jährigen Studenten, das eben angerissene Chordom diagnostiziert. Als er kurz nach der Diagnose damit begann, sich mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen, stellte er schnell fest das ihm das alleine kaum gelingen würde. Tatsächlich hatte selbst das Krankenhaus indem die Diagnose gestellt wurde, keinen ausreichenden Zugang zu angemessener Literatur bezüglich dieses Tumors. Aber im Gegensatz zu wohl den meisten anderen Menschen hat sich Josh davon nur kurzzeitig entmutigen lassen und dann die “Chordoma Foundation” gegründet.

Diese hat sich zur Aufgabe gemacht, das Krankheitsbild besser zu erforschen und vor allem die gewonnenen Erkenntnisse der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Unter anderem zu diesem Zweck hat die Chordoma Foundation bereits mehrere Workshops veranstaltet, um die an diesem Thema arbeitenden Wissenschaftler zusammenzubringen. Doch nicht nur das, sie fördert auch aktiv die freie Weitergabe der gewonnen Erkenntnisse an Patienten, Angehörige und Interessierte. Denn grade im Umgang mit Krankheit – und erst recht mit Krebs – ist Wissen für alle Beteiligten unglaublich wichtig.

Eigentlich ein positives Beispiel, nur hat leider bei weitem nicht jede Krankheit so engagierte Fürsprecher, geschweige denn gemeinnützige Organisationen die sich der Erforschung und dem freien Wissen über die Erkrankung verschrieben haben. So sind in der Regel nur wenige und häufig durch Marketing gefärbte Informationen von Firmen frei im Internet verfügbar, genaue wissenschaftliche Informationen dagegen nur selten. Und das muss sich meiner Meinung nach dringend ändern. Denn das Wissen über Krankheiten ist so ein wichtiges Gut für die Menschheit, das es für Jedermann frei verfügbar sein muss!

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Arzt werden. Warum?

“Erst ein langes trockenes Studium mit viel Auswendiglernen, dann wahnsinnige Arbeitszeiten, viel Verantwortung und das ganze Leid, das Blut und der Eiter. Warum wird man eigentlich Arzt?”

Jeder Mensch, der sich für diesen Beruf entscheidet hat seine eigenen Motive, daher kann ich speziell in dieser Frage eigentlich nur für mich selbst sprechen. Uneigentlich könnte ich hier natürlich auch das wiedergeben, was ich in verschiedenen Gesprächen mit Kommilitonen und (zukünftigen) Kollegen erfahren habe. Allerdings fällt es mir schwer, die Gedanken ordentlich zu sortieren, daher lasse ich das lieber und versuche stattdessen ein paar meiner eigenen Motive darzulegen.

Ob ich bereits als Kind den Wunsch hatte, Arzt zu werden, vermag ich heute nicht mehr so genau zu sagen. Immerhin hatte ich als Heranwachsender ein großes Interesse an Arztserien im Fernsehen und habe Serien wie “Emergency Room”, oder “Chicago Hope” verschlugen. Aber nicht nur das, tatsächlich habe ich den Inhalten in Bibliotheken hinterher recherchiert und versucht Fakt und Fiktion für mich herauszuarbeiten. Einige Charaktere der Serien waren Vorbilder für mich, vor allem weil sie einen Job hatten der in meinen Augen höchste Anerkennung verdient hat.

Tatsächlich aber dachte ich – nachdem ich das erste Mal mit Computern konfrontiert war -für eine lange Zeit: Irgendwas mit Computern will ich machen. Und es brauchte erst ein Praktikum um mich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Denn ich bemerkte, dass es dieses ewig vor dem Computer hocken und Bits schubsen einfach nicht war. Warum? Im Wesentlichen fehlte mir die soziale Interaktion mit anderen Menschen und außerdem erschien mir die alltägliche Arbeit einfach viel zu abstrakt und eintönig. Klar macht mir das arbeiten am Computer auch heute noch Spaß, aber als Beruf kommt es nicht in Frage.

Stethoskop und Blutdruckmessgerät

Ich war zunächst etwas ratlos, entschied mich dann aber doch dafür es in der Medizin zu wagen. Es war gewissermaßen ein Sprung ins kalte Wasser, aber letztendlich genau der richtige. Schnell bemerkte ich, wie ungemein befriedigend die Arbeit mit Menschen ist. Insbesondere dann, wenn man einen kranken Menschen im Prozess der Heilung begleitet und seinen Teil zu diesem Prozess beitragen kann. Man muss halt einfach nicht lange nachdenken, um die Sinnhaftigkeit in diesem Beruf klar erkennen zu können.

Aber natürlich bringt Krankheit immer auch Leid mit sich, auch das gehört dazu. Genau so, wie einen Menschen nicht heilen zu können. Trotzdem befindet man sich in der glücklichen Position auch in solchen Situationen etwas bewegen zu können und sei es auch nur, indem man sich den Schmerzen und Ängsten des Patienten annimmt. Man ist eigentlich auch nur eine Art Dienstleister und begleitet andere Menschen, als Spezialist mit seinem Fachwissen, in ihrer Auseinandersetzung mit einem krankhaften Prozess. Und das alles in einer sehr konkreten und gut greifbaren Form, zumindest meistens.

Außerdem ist kaum ein Arbeitstag wie der andere, obwohl es natürlich immer auch eine gewisse Routine gibt. Aber meiner Erfahrung nach bezieht sich diese eher auf das Handwerk und weniger auf die Patienten und Kollegen und die entstehenden Situationen. Vor allem auch deshalb, weil man in diesem Beruf eine vergleichsweise intime Beziehung zu anderen wildfremden Menschen aufbaut. Und jeder Mensch ist anders, reagiert anders und verlangt das man sich mit ihm auf angemessene Art und Weise auseinandersetzt. Ganz besonders bei schwierigen Persönlichkeiten ist das oft eine besondere Herausforderung.

Nicht jeder Tag ist eine Erfüllung, aber so einen Beruf zu finden erscheint mir ehrlich gesagt eher unrealistisch. Und für solche Tage genügt es dann auch völlig, mit wehendem Kittel und coolem Blick über die Stationen im Krankenhaus hetzen zu können. Immerhin.

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Nicht fürs Leben, sondern für die Klausuren lernen wir. Wirklich!

Das Ende des Sommersemesters rückt schnell näher und damit auch der ungemütlichste Teil eines Studiums: Die Klausuren. Aus Sicht der Universitäten sind sie nötig, um uns Studenten neben der regelmäßigen physikalischen Teilhabe die erfolgreiche Teilnahme von Lehrveranstaltungen attestieren zu können. Oh und natürlich um den Studenten Etiketten in Form von Noten verpassen zu können – wenngleich auch die Bedeutung von Prüfungsergebnissen von Studiengang zu Studiengang stark schwankt.

Ich als Medizinstudent habe insofern Glück, als das grundsätzlich die Regel “Vier gewinnt” bei allen Prüfungen gilt. Kurz zur Erklärung, für die Nicht-Studenten: “Vier ist bestanden, Bestanden ist gut, und Gut ist fast Eins“. Viele Studenten sind natürlich trotzdem von gewissem Ehrgeiz getrieben, oder glauben daran, dass die Klausuren irgendeine Art von Effekt für irgendetwas außerhalb des jeweiligen Studiums haben würden. Meiner Meinung nach ein fataler Irrglaube.

Es gibt viele Varianten, wie Professoren und Dozenten ihre Klausuren gestalten können. Unterscheiden kann man dabei aber prinzipiell zwei Typen: Erstens Klausuren bei denen  zu bestimmtem Material (Quellen, Fällen, Rechenaufgaben) in freier Arbeit eine Lösung geschrieben werden muss. Und zweitens Klausuren die sowohl Fragen, als auch Antwortmöglichkeiten vorgeben und richtige, oder falsche Antworten markiert werden müssen. Wobei es je nach Studiengang immer eine gewisse Vorselektion gibt.

Grade im Medizinstudium werden fast ausschließlich Klausuren des zweiten Typs geschrieben: Kreuze jeweils die richtigen, oder falschen Antworten an. Fertig. Und genau hier schaffen sich die Klausuren ihr eigenes Universum. Es ist einfach nicht möglich in einer vertretbaren Anzahl von Fragen (ca. 20 bis 30) zu prüfen, ob jemand den zu prüfenden Themenkomplex durchdrungen und verstanden hat. Daher zielen viele Fragen auf sehr spezielle Sachverhalte ab, die sich in den Lehrbüchern allenfalls in Fußnoten finden lassen.

Weil Studenten in der Masse nicht doof sind und gerne die Klausuren gut überhaupt bestehen wollen, gibt es in der Regel einen Schwarzmarkt mit Altklausuren. Dort haben frühere Semester ihre Klausuren gesammelt, mit Antworten versehen und führ ihre Nachfolger bereitgestellt. Das ist wichtig, denn oftmals sind die thematischen Schwerpunkte der Klausuren nicht aus der Lehre ersichtlich und ohne Vorbereitung in die Klausur zu gehen würde einen wirklich erheblichen Lernaufwand bedeuten.

Klar muss man immer für Klausuren lernen, aber leider schreibt man am Semesterende typischerweise eine ganze Reihe von Klausuren zu unterschiedlichsten Themen. Da muss man eine ökonomische Lösung finden, sodass die Mehrzahl der Medizinstudenten den “einfachen” (und klischeehaften) Weg wählt und einfach die Altklausuren mit ihren Lösungen auswendig lernt. Oder zumindest sein Lernen auf die aus den Altklausuren bekannten Schwerpunkte verlagert.

Mit dieser Technik lässt sich – zumindest im Medizinstudium – fast alles bestehen. Aber fürs Leben gelernt hat man nichts, denn gelernt hat man nur irgendwelches spezielles Wissen, oder einzelne Fragen und ihre Antworten – verstanden leider wenig bis gar nichts. Sodass man in der Regel bereits wenige Tage nach der Klausur praktisch an nichts mehr vom gelernten erinnern kann. Meiner Meinung nach sind die Klausuren – so wie sie derzeit zumindest im Medizinstudium praktiziert werden – total unsinnig und bedeuten, außer einer gigantischen Vernichtung von Lebenszeit, nichts als Selbstbetrug.

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