Es ist früh morgens und ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Meine Gedanken beschäftigen sich vor allem mit dem Vortrag, den ich im Rahmen der internen Fortbildung halten werde. Mit dabei natürlich die üblichen seltsamen Sorgen, die man sich vor Vorträgen macht und die üblichen Gedanken, die man sich noch als junger und unerfahrener Assistenzarzt jeden Tag hat. Den Weg zum Krankenhaus kenne ich inzwischen auswendig und darum wundert es mich auch nicht, als die Ampel auf der Bundesstraße vor mir rot wird.

Ich bremse und mein Auto kommt ohne Probleme vor der Ampel zum stehen. Ein paar Sekunden vergehen, dann schaue ich gelangweilt in den Rückspiegel und sehe einen gelben Kastenwagen schnell näher kommen. Aber das beunruhigt mich nicht, manche Menschen bremsen halt erschreckend spät. Nur Sekunden später wird mir klar “Scheiße, der fährt dir drauf!” und ich spüre einen heftigen Schlag als der gelbe Kastenwagen hinten in mein Auto fährt.

Als ich kurz darauf wieder meine Sinne beisammen habe, steht mein Auto entgegen der Fahrtrichtung etliche Meter weiter am anderen Ende der Kreuzung. Meine Ohren fiepen, mein Kopf schmerzt, im Armaturenbrett leuchten gefühlt alle Lampen und es riecht komisch. Ich versuche ganz instinktiv das Auto schnellstmöglich zu verlassen, was mir erst über die nur leicht verklemmte Beifahrertür gelingt. Zum Glück sind schnell mehrere Ersthelfer vor Ort und kümmern sich um mich und den Fahrer des gelben Kastenwagens, der jetzt ziemlich genau dort steht wo vor Minuten noch mein Auto an der roten Ampel wartete.

Bevor sich der Rettungsdienst meiner annimmt – schließlich läuft Blut aus einer Platzwunde mein Gesicht herunter – mache ich natürlich erst noch Fotos vom Auto, die ich über bekannte Messengerdienste meiner Familie schicke. Erst als ich mit Stifneck in der Vakuummatratze im RTW liege und anfange die Schmerzen in meinem Rücken zu merken, wird mir ganz langsam klar, was gerade überhaupt passiert ist.

· · ·

Das ist nun zwei Wochen her, und eigentlich kann ich mein Glück immer noch nicht fassen. Außer einer Gehirnerschütterung, einer Platzwunde und diversen Prellungen ist mir nichts ernsthaftes passiert. Und das obwohl der gelbe Kastenwagen mit vermutlich über 80 km/h auf mein stehendes Auto aufgefahren ist. Dessen Reste zeugen deutlich von der Wucht dieses Unfalls: Der Kofferraum existiert nicht mehr, die Karrosserie ist total verzogen und wölbt sich im hinteren Teil deutlich nach außen, die Rückbank steckt quasi in den Vordersitzen, etc…

Im Rahmen dieses Unfalls kam ich in den Genuss mein eigenes Berufsbild nun einmal aus der Perspektive des Patienten zu erleben. Angefangen bei der Erstversorgung vor Ort im RTW, über der übliche Procedere im Schockraum bis hin zum Alltag auf der Station. Und ich habe dabei tatsächlich einiges für meine zukünftige Arbeit gelernt (z.B. wie albern so eine Chefarztvisite aus dem Bett eines Patienten aussieht), mehr dazu gibt es demnächst hier im Blog. Ganz besonders freue ich mich im Nachhinein, das schnell viele Ersthelfer ihre Hilfe angeboten haben. Sogar so viele, dass eigentlich gar nicht genügend “Arbeit” für alle vorhanden war.

· · ·

Auch heute noch fällt es mir schwer die ganze Tragweite dieser Ereignisse zu begreifen, insbesondere wie unfassbar viel Glück ich gehabt habe. Natürlich nerven mich insbesondere die diversen Prellungen, von denen einige nach wie vor sehr schmerzhaft sind und die Narbe in meinem Gesicht erfreut mich auch nicht gerade. Aber ich habe diesen heftigen Unfall weitgehend unbeschadet überstanden, was keine Selbstverständlichkeit ist.

Natürlich habe ich inzwischen auch viel Zeit mit Nachdenken verbracht, aber ich kann noch nicht sagen, welche Konsequenzen sich für mein Leben und mich daraus ergeben werden. Einige Dinge fühlen sich nun sehr relativ an, manches sogar beinahe unwichtig, aber das wird sich vermutlich im Laufe der nächsten Zeit und der zunehmenden Verarbeitung dieses Unfalls noch verändern.

Erstmal bin ich einfach nur dankbar. Zunächst ganz generell den glücklichen Umständen, dann den erstaunlich vielen Ersthelfern, den ganzen professionellen Menschen vom Rettungsdienst, im Krankenhaus und bei meinem Hausarzt. Und natürlich auch meiner Familie und den ganzen lieben Menschen die mich seitdem unterstützt haben.

Danke für alles.

More